Kronos Quartet Sun Rings    (Nonesuch Records 2019)
Terry Riley

 

Vor einigen Jahren bin ich auf den einen oder anderen Protagonisten der Minimal Music gestoßen. Was genau die Merkmale dieser akustischen Kunst sind, kann ich auf Schnelle und Kürze nun auch nicht so richtig erklären, also lass ichs lieber, bevor ich mich selbst durch die Hintertür meiner Unkenntnis preisgebe. Stattdessen möchte ich heute lieber ein hoch interessantes Werk aus diesem Bereich mit ebenso interessanter Entstehungsgeschichte empfehlen. Und diese Geschichte geht so:

Es war einmal – und ist immer noch – ein Physiker namens Don Gurnett, der irgendwelche Plasmawellen im Strahlungsgürtel der Erde untersuchte. Insbesondere hatten es ihm jene Wellen angetan, deren Frequenzen im uns bekannten Bereich der Wellen des Radioempfangs liegen. Darüber forschte und neugierte er ganz schön lange, tat bei so einigen NASA-Missionen mit und erhielt für seine Arbeiten manchen Preis. Unter anderem einen solchen auf dem Gebiet der extraterrestrischen Physik. Nun hat dieser Forscher, meiner tiefsten Überzeugung nach definitiv ein Fulltime-Nerd, im Lauf seiner Arbeit natürlich auch akustische Aufnahmen seiner Entdeckungen gemacht, die – für mit Physikverständnis echt unterbelichtete Leute wie mich – ganz einfach als The Sound of Weltraum zu verstehen sind.
Gurnett erhielt nun im August 2000 eine Anfrage von David Harrington, dem Gründer des Kronos Quartet, einem Streichquartet, ursprünglich aus Seattle, jedoch lange schon sesshaft in San Francisco. Das Quartett spielt, ausgestattet mit zwei Violinen, einer Viola sowie Cello, überwiegend zeitgenössische Musik verschiedenster Stile und arbeitet mit unterschiedlichen Komponisten zusammen. Harrington schrieb also Gurnett aus Interesse an dessen Space-Sounds an und bat ihn um ein Treffen, um über diese Klänge zu palavern. So philosophierten und fachsimpelten die beide wohl immer wieder miteinander, bis schließlich Strippenzieher Harrington einen gewissen Terry Riley kontaktierte, einen jener Komponisten, an dessen Werk die Streicher sich zuvor schon hatten gütlich tun dürfen. Dieser Kontakt endete – na klar – in einem Auftrag Harrington's an Riley, doch gefälligst was mit diesem Spacekram kompatibles für die Bogenschwinger zu basteln. Dieser schien offenbar von der Idee angetan und fing an zu werkeln. Und wenn er nicht gestorben ist, ... äh, nein, ist er nicht.

Daher geschah es, dass im Oktober des Jahres 2002 die besagten Sun Rings, komponiert von Terry Riley, vom Kronos Quartet als Multimedia-Produktion inklusive deren Visualisierung durch einen gewissen Willie Williams, seines Zeichens übrigens Bühnendesigner einer einigermaßen bekannten Bänd namens U2, an der University of Iowa uraufgeführt wurden. Und in 2019 zeigte sich schließlich das Plattenlabel Nonesuch Records gnädig, und veröffentlichte eine hübsche CD davon, die mir neulich ins Haus geflogen ist.

Und damit wäre nun auch schon der Ausgangspunkt dieser Rezension eingeholt. Beim Hören dieses Albums mit durchaus ungewöhnlicher Entstehungsgeschichte zeichnet sich bei mir tatsächlich eine lineare Verbindung von der klassischen Sinfonie und Werken der Neo-Klassik ab, weitergeführt über Spielarten des Progressive und Post Rock, eben bis hin zur Minimal Music, welcher Riley als Mitbegründer zugerechnet wird. Mit einem Intro tatsächlich wellenartiger Klänge, aus welchen kess der Ambient lugt, sowie einiger dazu gesprochener Worte, beginnen die Sun Rings. In der Folge kehren im Lauf der annähernd achtzig Minuten diese Klänge als Teppich oder Hintergrundeinspielungen gerne wieder, hinzu gesellen sich der Charakteristik des Minimal typische, repetitive, sich stets leicht verändernde Streicherklänge zu den sacht kreischenden, kosmisch flummernden Magnetwellenaufnahmen, während die Dynamik der Komposition die einzelnen Stücke bis hin zu vokalen, barock anmutenden Chören führt, die wiederum sakrale Passagen wie Passionen mit einbringen.

Es entsteht ein insgesamt sehr spannungsgeladen entspannter akustischer Trip, bei welchem einmal mehr der – hier ohnehin kreisende – Weg das Ziel ist. Bodenhaftung vermitteln die bogenerzeugten Saitenklänge, während das Werk durch die Chöre manchmal fast spirituell angehaucht wirkt; hin und wieder sind die Stücke, oder eher Passagen der Reise, mit Spoken Word-Einflechtungen gespickt. Es wird dabei mit durchweg fein ziselierter, sensibel dynamischer Dramaturgie durch und über die Wellen geritten, geglitten und gekreist – und hier verlassen mich meine Beschreibungskünste, also hört es euch am besten selbst an. Es gibt hier mit ein klein wenig Aufmerksamkeit wirklich sehr viel zu entdecken. Auch ganz ohne Bilder, denn die entstehen unterwegs ohnehin ganz von selbst...

Zum Hören hierhin und das Ganze bebildert da lang

26.04.20

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