The Luyas                                      15.10.11 Freiburg, Slow Club


Sonnige Tage – schweinekalte Nächte. Der goldene Freiburger Herbst bleckte seine Zähne vornehmlich in der Dunkelheit und ähnlich groß präsentierte sich auch der Kontrast vor und im Slow Club, jenem Veranstaltungsort, den ich von alteingesessenen Breisgauern im Vorfeld mehrmals mit den Vokabeln 'neu, aber schon legendär' beschrieben bekam.


Zu dritt gerade noch so reingeschlüpft bevor vorläufig die Pforten geschlossen wurden, drängte sich drinnen die Menge dicht and dicht – es war heiß und zunächst äußerst ungemütlich in diesem eigentlich ganz schnuckeligen Laden. Grund war der Brite Samuel Walker, der es sich mit seinem Instrumentarium direkt vor der Bühne bequem gemacht hatte und damit den zur Verfügung stehenden Platz recht deutlich beschnitt. Mich trieb es ziemlich schnell wieder vor die Tür. Das Wenige, was ich von diesem mit einem beträchtlichen Gesangesorgan ausgestatteten Songschreiber mitbekommen habe, klang allerdings recht positiv.
Nachdem der Platz nach knappen 45 Minuten dann geräumt war, konnte sich endlich der ganze Charme dieser Location entfalten und es fing an, wirklich Spaß zu machen, woran der Hauptact des Abend den mit Abstand größten Anteil hatte.


The Luyas aus Montreal waren mir bisher kein Begriff. Dabei existiert die Band bereits seit 2006, hat im Februar diesen Jahres schon ihr zweites Album 'Too Beautiful to Work' veröffentlicht und zudem mit Pietro Amato am French Horn einen Musiker in ihren Reihen, der als nicht-ständiges Mitglied des wohl bekanntesten Exportes der kanadischen Metropole auf allen Platten und vielen Livekonzerten jener unglaublich erfolgreichen Truppe zu hören ist. Die Rede ist hier natürlich von Arcade Fire. Mit diesen hat seine Hauptband allerdings dann doch wenig bis gar nichts gemein.
Auffallend ist zunächst die instrumentale und lichttechnische Bestückung der Bühne: Frontfrau Jessie Stein schnallte sich erstmal eine sogenannte Moodswinger um (hielt ich zuerst für ein indisches Instrument, aber Wikipedia sagt: 'It's a 12-string electric zither designed by the Dutch experimental luthier Yuri Landmann' - Aha!); rechts davon wippte Mathieu Charbonneau am Fender Rhodes und diversen Sample-Gerätschaften, von dem bärtigen Amato und seinem Blasinstrument war ja schon die Rede. Schlagzeuger Stefan Schneider (deutsche Wurzeln, wie man im weiteren Verlauf des Abends erfuhr) ließ dann mit den ersten Tom-Schlägen die an Klavier und Mikrostativ befestigten Glühbirnen (keine Energiesparlampen... und das in Öko-Freiburg!!!) aufblitzen – die Menge war erwacht!


Eher angeschrägt gings los, so, als wollte man zunächst mal die offenen Ohren der Zuschauer testen. Man muss sich schon reinhören in diese etwas nerdige Musik, in der noch die einfachsten Melodien derart kompliziert daherkommen.
Ganz nett, denkt man da am Anfang, aber die Luyas ziehen einen sehr schnell in ihren Bann. Sie haben dieses gewisse Etwas, dieses große Talent, Popsongs zu dekonstruieren und wieder zusammenzusetzen, diese entrückte Magie und verstörende Experimentierfreudigkeit, an der sich viele Indie-Underground-Bands unserer Tage versuchen, ohne dass es ihnen jemals gelingt. Da stehen auch nicht etwa irgendwelche ernsthafte Frickler auf der Bühne, sondern äußerst sympathisch auftretende Mitmenschen, deren Natürlichkeit dieser überaus coolen Musik eine gewisse zusätzliche Wärme verleiht.
Richtig greifbar wird der Sound des Quartetts nur selten – alles flirrt, scheppert, dazwischen Melodiebögen, die mal wie kurze Skizzen hingeworfen, dann wieder ausgiebig zelebriert werden und über allem schwebt diese Björk-ähnliche, zarte Stimme von Stein. Wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet kommt der begeisterte Rezensent zu der Erkenntnis, gerade ziemlich unverhofft einem wirklich grandioses Konzert beigewohnt zu haben.


Deshalb: Thänks Freiburg!! In Berlin hätte ich die Kanadier wegen des chronischen Überangebotes wahrscheinlich mal wieder schlicht übersehen.


 Martin W., 20.10.11

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