Fire! 15.03.25 Villingen, MPS-Studios
Eine höchst ungewöhnliche Lokalität besuchte ich am Samstag in schwarzwäldischen Villingen, wo ich vor einigen Jahren zuletzt und einzig beim dortigen Auftritt des Fire! Orchestra im Theater am Ring zugegen war. Diesmal zog mich das Basis-Trio des erwähnten Orchesters in den Schwarzwald-Baar-Kreis und dort in ein Studio in einem denkmalgeschützten Haus, ehrenamtlich von einem Verein und dessen Mitgliedern betrieben, in welchem sich sowohl Nachwuchs aus regionalen Gefilden als auch höchst etablierte internationale Musikerinnen und Musiker die Klinken in die Hand zu geben pflegen. Und das sowohl für Studioaufnahmen von Musik als auch zu deren Live-Präsentation. Ein sehr spezielles Ambiente war also vorzufinden, das umgehend einen hohen Wohlfühlfaktor versprühte. Selbst die sehr bequemen Sessel im durchweg bestuhlten und ausverkauften Zuhörbereich sind noch Originale aus den Sechzigern.
Mit berechtigtem Stolz wurde das etwa vierzigköpfige Publikum vor Beginn der ersten Bänd über die Geschichte des Studios und selbstverständlich auch Aktuelles informiert; in der gut dreißigminüten Umbaupause des ebenerdigen Bühnenbereichs gab es eine ausgiebige Führung durch das Tonstudio. So charmant und angenehm sich Leute wie Atmosphäre in den MPS-Studios zeigten, war allein das zu erleben bereits den Ausflug mitsamt Übernachtung und sonntäglicher Cafésuche zur Frühstücks- und Koffeinzufuhr wert!! Und dann war da noch die Musik...
Nach erwähnter Ansage und Information begann das supportende Trio mit seinem knapp vierzigminütigen Auftritt. Das Noah Diemer Trio spielte ausschließlich Eigenkompositionen des namensgebenden Pianisten und klang in der Besetzung mit Schlagzeug und Kontrabass zu den Tasten – soweit ich das zu beurteilen in der Lage bin – nach zeitgenössischem wie klassischem Jäzz. In jedem Fall waren die Stücke der Nachwuchsmusiker ein schön entspannter Einstieg in den klangbemalten Abend, ehe die nicht weniger als furiose Darbietung von Fire! aus Schweden beginnen konnte.
Auf deren Auftritt freute ich mich besonders. Seit ich deren Sound das erste Mal hörte, war ich angefixt und bis heute hat sich daran nix geändert – außer dass mir das Trio mit jedem Album mehr ans Herz wächst. Und live erreicht das Schaffen von Mats Gustafsson, Johan Berthling und Andreas Werliin eine um ein Vielfaches höhere Intensitiät, als ein Album das je bewirken kann. Von Anfang an waren die drei offenbar mit jeder ihrer Zellen und Poren komplett dem Spiel und Sound verhaftet, der stilistisch Bereiche des experimentellen Free-Jäzz, Rock, Psychedelik und Minimal Music hervorragend miteinander verbindet respektive nahtlos ineinander fließen lässt.
Allem voran lebt Fire! vom sehr unkonventionellen Spiel des Saxofonisten, der dabei fast unentwegt in Bewegung zu den Takten und Rhythmen von Bass und Schlagzeug war. Diese beiden legten großartige rhythmische Teppiche, übernahmen hier und da auch mal führende Funktionen und gönnten dem Bläser immer mal wieder die nötige Verschnaufpause zum Durchatmen. Gustafsson, der nebst seinen beiden Saxofonen auch mal eine Querflöte spielte, deren Töne oft sehr weit weg von gängigen Klängen des Instruments waren, nahm beim Spiel immer wieder die Stimme zu Hilfe, blies das Mundstück häufig mehr an als hinein, nutzte selbst hechelnde Atemgeräusche zur Ergänzung der Instrumentenklänge. Das war alles sehr abgefahren, nicht nur zum Hören, gerne mit geschlossenen Augen, sondern auch beim Zugucken.
Von Beginn ihrer Performänce bauten die drei eine unfassbare Klangdichte und hoch intensive Spannungsbögen auf, die mich unweigerlich ganz tief in den Bann der Töne und Rhythmen zogen und mich für die Dauer des Konzerts nicht mehr los ließen. Sehr geil, das!!
Wenn ich es richtig erinnere, starteten Fire! mit „One Testament. One Aim. One More To Go. Again“, dem letzten Stück des aktuellen Albums ‚Testament‘, um das gesamte Werk mit viel Improvisation durchzuspielen und das aus zwei schön ausufernden Passagen bestehende Set nach einer knappen, aber höchst ereignisreichen Stunde mit „The Dark Inside Of Cabbage“ zu beenden. Für eine kleine Zugabe kamen sie noch einmal zurück, ehe das Konzert nach etwas mehr als einer Stunde Spielzeit für meine Begriffe viel zu schnell zu Ende war – allerdings auch verständlich, denn diese Weise des Einsatzes von Ein- und Ausatmung ist sicherlich auch körperlich höchst anstrengend...
In jedem Falle war das ein ganz großartiger Auftritt dreier ganz großartiger Musiker in tollem Ambiente, in welchem wir uns gerne noch ein wenig aufhielten, ehe wir frisch ausgestattet mit vielen schönen Eindrücken und davon ausreichend geplättet die Segel strichen...
17.03.25
Zur bändcämp-Seite von Fire! gehts HIER
Zum MPS-Studio guck DORT