Tool   Fear Inoculum    (VÖ: 30.08.19 RCA / Sony Music)

 

Einen Vorgeschmack auf das neue Opus konnte ich im Juni in Zürich erhalten. Dort präsentierte sich mir eines der beiden vorab live gespielten Stücke, "Invincible", mit der einen oder anderen gefühlten Länge in meinem Ohr. Nun ist es also da, das neue, dreizehn Jahre nach dem letzten Album veröffentlichte Nachfolgewerk der kalifornischen Verweigerungs-Art-Rocker Tool, dieser stets gewollt mysteriös agierenden Bänd um den exzentrischen Sänger und Nicht-Frontmann Maynard James Keenan, den Gitarristen und offiziell kreativen Kopf der Bänd Adam Jones sowie die beiden Ausnahmerhythmiker an Schlagzeug und Bass, Danny Carey und Justin Chancellor.

Fear Inoculum lautet der Titel, der, wenn ich es richtig übersetze, die Angst vor irgendwelchen bakteriell infizierenden Angriffen bedeutet. Interpretieren möchte ich das lieber nicht, doch die akut einsetzende Begeisterungsinfektion von der Musik mag offenbar nicht gemeint sein. Sicherlich, Tool machen geile Musik, außergewöhnlich, filigran, alleinstehend. Aber dieses Album zu hören, kann auch Arbeit sein. Insbesondere das eigene Abarbeiten an eventuellen Erwartungen, die vielleicht gehegt wurden, oder auch Hoffnungen auf Überraschungen, was denn da so über eine Dekade lang in irgendwelchen Pipelines schmachtete, ehe es das Licht der Veröffentlichungswelt erblicken durfte. Dazu kommt das Sich-Abarbeiten an Assoziationen mit und zu früheren Alben der Bänd. Doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, diese Arbeit könnte lohnenswert sein.

Vorweg kann ich jedoch manches unterschreiben und bestätigen, was im Netz - teilweise bereits am Vorabend der Veröffentlichung - zu lesen war bzw. ist. Und zwar längst nicht nur auf einschlägigen Websites, ja, sogar Bild hat sich online dazu geäußert (what the f...). Der allgemeine Tenor lautet, verkürzt gesagt, etwa: Klingt durchaus nach Tool, könnte aber manch langjährige Fäns auch enttäuschen - und an 'Ænima' (1996) und dessen Nachfolger 'Lateralus' (2001) kommts sowieso nicht ran etc. ...

Die Bänd hatte von Beginn an einen geilen, sehr eigenwilligen Sound; den haben die Musiker mit der Zeit weiter entwickelt und perfektioniert. An diesen Klangunikaten wird sich wohl auch nichts Wesentliches mehr ändern, wozu auch? Ich selbst war mir bei solch langem zeitlichen Abstand zum letzten Album zeitweise gar nicht mehr sicher, ob die Welt überhaupt ein weiteres Album von Tool benötigt... So what --- ? Jetzt ist es da. Und, by the way, dabei besitze ich erstmals gar keinen physischen Tonträger, sondern allein die mp3s. Also kenne ich kein Artwörk und auch nicht die drei Stücke, eher als Interludes zu bezeichnen, die es via Download nach Kauf des CD-Albums (Vinyl kommt angeblich später) zusätzlich zu den vorhandenen achtzig Minuten gibt (wer mehr zur Aufmachung wissen möchte, bemühe doch einfach höchstpersönlich selbst die Suchmaschinerie...).

Nun gut, jetzt aber endlich zur Musik: Der Titelsong eröffnet das Album, ruhig, entwickelt sich langsam, glänzt mit typischem Tool-Sound und perkussiven Rhythmen - und nicht zuletzt mit großartigem Gesang Herrn Keenan's. Die Erwartungen auf das, was noch kommen wird, werden damit ziemlich hoch geschraubt. Ob diese über die gesamte Laufzeit der sieben Songs erfüllt werden können, müssen alle individuellen Gehöre selbst entscheiden. Bei mir gehen Begeisterung, wiederkehrende Assoziation mit älteren und alten Stücken eher mit manchmal überraschter Irritiertheit einher, weniger mit echter Enttäuschung. Am zweiten Träck, "Pneuma", ist das Werk, wie es bei mir nach drei kompletten Durchläufen binnen vierundzwanzig Stunden ankommt, am besten zu beschreiben: Dieses Stück klingt zunächst dermaßen nach "Schism" (von 'Lateralus'), dass es gleichsam als lauer Abklatsch, wie auch als genialistische Fort- und Weiterführung des betagteren Songs gehört werden kann. Solches zieht sich beim Hören immer mal wieder durch einzelne Passagen des gesamten Albums, bei "Pneuma" am deutlichsten.

So könnte ein Fazit etwa lauten, dass mit derselben Masche, demselben Sound, einfach ein paar andere Songs gebastelt und schließlich aufgenommen wurden. Insgesamt fast als balladesk zu beschreiben, ist Fear Inoculum allerdings auch mit derart großartigen Passagen bestückt, wo es richtig rockig zur Sache geht. Free-Jäzz-Metal-Art-Rock könnte ein Benennungsvorschlag für das Gehörte sein, das vielleicht noch besser funktionieren würde, wenn ganz auf einzelne Träcks verzichtet worden wäre, sondern das ganze Album als eine Art Sinfonie betrachtet würde, die mit einem großen, fünfzehnminütigen Finale namens "7empest" aufwartet. Hier beweisen sie ihre Extraklasse, in der Tat!!

Auffällig ist noch, dass mir einige Zeit nach dem Hören insbesondere Passagen und Riffs von älteren Stücken ins innere Ohr fliegen, "Vicarious" etwa, vom Vorgänger '10000 Days'. Oder "Right in Two" vom selben Album. Wie dem auch sei, es kann von diesem Album was-auch-immer gehalten werden: Tool machen nach wie vor großartige Musik!! Und vielleicht entwickelt Fear Inoculum ja noch Grower-Qualitäten. Bei einem solch komplexen Werk wäre das mitnichten verwunderlich...


2.09.19

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