Nick Cave & The Bad Seeds 3.08.22 Rastatt, Ehrenhof im Schloss Rastatt

 

Ziemlich lange ist es her – es war im August 1996 –, dass ich auf einem Festival Nick Cave & The Bad Seeds live gesehen habe. Blöderweise ist mir sämtliche Erinnerung verlustig gegangen und es dauerte satte sechsundzwanzig Jahre, ehe diese Lücke in der Biografie kompensiert war. Am bis dahin heißesten Tag des Jahres und trotz zeitlicher Verzögerung aufgrund vor Ort komplett vernachlässigter Organisation eines Parkleitsystems und langwieriger Suche, die in einem glücklichen Plätzchen um die Ecke es Einlasses endete, waren wir noch eine Viertelstunde vor Konzertbeginn an Ort und Stelle, sortierten uns rechts des Mischpults und trafen bald den Rest unserer Gäng…

Wenige Minuten vor acht erklang ein Intro vom Band, fast überpünktlich formierten sich bald die Bad Seeds auf der Bühne, bestehend aus drei Gospel-Sänger*innen in Glitzergewändern, einer Keyboarderin, Cave‘s kongenialem langährigen Partner Warren Ellis an Gitarre, Geige und Synthies, Bassist Martyn Casey, die ebenfalls langjährigen Bad Seeds-Mitglieder Jim Sclavunos an Percussion und Thomas Wydler am Schlagzeug; außerdem ein weiterer Gitarrist, der im Wechsel elektrische und akustische Gitarre spielte. Nick Cave stürmte als Zehnter und Letzter geradezu auf die Bühne, griff sich das Mikro vom Ständer, warf denselben achtlos um, spuckte auf die Bühne und startete mit „Get Ready For Love“. Eine fulminante Eröffnung des Abends mit einem von Beginn an sehr agil performenden Sänger, der mit dem folgenden „There She Goes, My Beautiful World“ und besonders dem großartig dargebotenen „From Her To Eternity“ vom gleichnamigen Debüt-Album gleich noch ziemlich dick unterstrichen wurde. Erst das wundervoll hymnische „O Children“ konnte die Gemüter mit Gänsehautflair etwas beruhigen.

Ein sehr geiler Auftakt, zumal ich bei diesem Konzert überwiegend mit ruhigeren Stücken der letzten Alben gerechnet hatte. Weit gefehlt, diese Vermutung!! Nick Cave & The Bad Seeds nutzten die zweieinhalb Stunden inklusive zweier Zugabenblöcke stattdessen für die Präsentation der gesamten Bandbreite ihres Schaffens aus fast vierzig Jahren!! Vom avantgardistisch-punkig angehauchten, recht Percussion-lastigen „Tupelo“, das durchaus Verwandschaft mit dem Schaffen der Einstürzenden Neubauten aufweist, über verzweifelt klagende wie ebenso hoffnungsvolle Balladen im düster-chanson-esken Singer-Songwriter-Stil bis hin zu klassisch gitarrelastigem Rock, garniert stets mit mehr oder weniger präsenten Chören im Gospel-Stil und dem häufig gegenwärtigen Blues. Nicht nur die Albumhistorie, sondern auch die stilistische Bandbreite war also sehr gut im Set abgebildet. Bei „Vortex“, einem mir bis dato unbekannten, sehr hymnisch melodiösen Song aus der letztjährigen Raritäten-Veröffentlichung ‚B-Sides & Rarities, Part II‘, wähnte ich mich bei den von Warren Ellis produzierten Gitarrenklängen fast auf einem Konzert von Neil Young – und das ging nicht nur mir so…

Selbstverständlich blieb der gertenschlanke Mittsechziger mit der sonoren Ausnahmestimme besonderen Ausdrucks- und Erkennungswerts sowie dem unvergleichlich messianischen Charisma dabei durchweg stilsicher. Gleich zu Beginn, nach dem Opener und der Begrüßung des etwa fünf- bis sechstausendköpfigen Publikums, stellte er, offenbar auf einen Zuruf aus den vorderen Reihen auf seine Bemerkung „it’s fucking hot“, direkt klar: „The Jacket stays on!“

Überhaupt reagierte er sehr häufig, für meine Begriffe gar zu häufig, auf die ersten Reihen, bewegte sich einen Großteil des Konzerts auf einem wenige Stufen unterhalb der Bühne befindlichen Steg von der einen zur anderen Ecke der Bretter, berührte unermüdlich Hände, sang halb im Publikum liegend und von selbigem gestützt, wechselte ein paar Worte und lieh sich Fächer oder ließ sich damit Luft zufächern. Besonders anrührend war hierbei eine Szene, als ein Junge mit Bad Seed-Shirt, auf den Schultern des Vaters sitzend, dem Sänger eine zeitlang kühlende Luftzüge zukommen ließ. Zu beobachten war dies sehr gut auf den beiden Leinwänden am linken und rechten Bühnenrand, wo auch hin und wieder das Wirken der Mitmusizierenden Cave’s zu beobachten war.

Die Bänd spielte sich im Lauf des Sets immer besser ein und zeigte nicht weniger Elan als der Prediger selbst. Den Auftritt etwas trübend empfand ich hingegen, dass einzelne Songs in den von den Alben abweichenden Versionen nicht wirklich die ihnen gebührende Intensität entwickeln konnten, was insbesondere bei „Jubilee Street“, „Red Right Hand“, „Mercy Seat“ und „Higgs Boson Blues“ für Längen im Set sorgte – letzterer Song schien, nach ziemlich hypnotischer erster Hälfte auf halber Strecke in unsäglich vielen Wiederholungen des „… boom boom boom …“ und allzu eifrigem Interagieren mit den ersten Reihen, geradezu zu verhungern.

Hin und wieder spielte Cave einen Song alleine am Piano, sang im Duett oder wurde begleitet von Minichor, Keyboard, einzelner Duettstimme oder eben dem großartigen Warren Ellis, der wahlweise Gitarren-. Geigen- oder Tastenklänge und Bäcking-Vocals beisteuerte. Unter den ruhigen Stücken stach insbesondere das überwiegend solo am Piano gespielte und tieftraurige „I Need You“ vom 2016er Werk ‚Skeleton Tree‘ heraus, vor allem ob der nahezu herzzerreißend inbrünstigen Intonation des Sängers. Ein ziemliches Highlight im Herzstück des Sets…

Spätestens jedoch der zweite Zugabenblock, eingeleitet mit einer großartigen Version von „Mermaids“ vom tollen 2010er Album ‚Push The Sky Away‘ – mit grandios ausuferndem Gitarrensolo seitens Ellis – sowie „Jack The Ripper“ als ganz großes Finale, rundeten meine oft irritierte Rezeption des alles in allem dennoch hoch beeindruckenden Auftritts in sehr angemessener Kulisse des Schlosshofs schließlich doch sehr zufriedenstellend ab. Um so schöner ist es jetzt, im Nachhinein, lange nicht gehörte Alben des unbestritten großartigen Sängers, Dichters und Performers unter den Eindrücken des Konzerts wiederzuhören, sogar ein bisschen neu zu entdecken und das Konzert noch in der Nachwirkung wachsen zu lassen…

 

Anbei die recherchierte und für valide erklärte Setlist:

Get Ready for Love / There She Goes, My Beautiful World / From Her to Eternity / O Children / Jubilee Street / Bright Horses / I Need You / Waiting for You / Carnage / Tupelo / Red Right Hand / The Mercy Seat / Henry Lee / Higgs Boson Blues / City of Refuge / White Elephant // Into My Arms / Vortex / Ghosteen Speaks // Mermaids / Jack the Ripper

Für einen kleinen Eindruck guck hier zu „Red Right Hand“ aus Rastatt 

11.08.22

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