Neurosis                                                23.06.13 Karlsruhe, Substage

 

Ein kleines Neugier-Experiment startete ich letzten Sonntag, indem ich mir eine Bänd live ansah, mit deren Werk ich alles andere als vertraut bin. Ich besitze lediglich ein relativ altes Album auf CD, welches ich sehr gelegentlich und in großen Abständen immer mal wieder zu hören pflege, wenn ich das Gefühl von alles ist aber auch sowas von kaputt und ich bin dermaßen böse darüber zu brauchen glaube. Neurosis heißt die Bänd, "Souls At Zero" das Album von 1992. Nun wusste und weiß ich nicht, wo ich den Stil der Bänd angesiedelt sehen soll. Am ehesten kommen mir die Begriffe apokalyptischer Hardcore-Brüll-Metal in den Sinn. Das gibt's aber so noch nicht, unter den ungefähr sechsundachtzigtausend-vierhundertfünfundzwanzig verschiedenen Genre-Bezeichnungen. Hab jetzt also mal recherchiert und bin auf Sludge gestoßen. Das heißt erstmal Schlamm, im musikalischen Kontext bedeutet dies - laut Tante Wikipedia - eine Mischung aus Hardcore Punk, Stoner Rock und Doom Metal - (sollte seitens meiner allerwertesten Leserschaft jemand hier etwas firmer sein als meine Kleinigkeit, so nehme ich gerne horizonterweiternde Unterstützung an).

Nun gut. Als mein ebenso neugieriger und genre-unbedarfter Begleiter und ich ankamen, waren die supportenden AMENRA aus Belgien bereits am werkeln. Im Bühnenhintergrund liefen schwarz-weiße Projektionen mit Weltuntergangs-Szenarien. Die Gitarristen wiegten sich stets ruckartig zum Sound, ebenso tat dies der Sänger, der mit nacktem Oberkörper durchweg mit dem Rücken zum Publikum zugange war. Es gab in den stets ausufernden Stücken immer wieder Wechsel zwischen ruhigen und lauten Passagen - und das war's dann auch schon. Leider war der Sound etwas weiter vorne, na ja, irgendwie schlammig. Ich hoffte also, dass die nachfolgende Hauptbänd etwas mehr vom Stapel ließe.

Während der gut halbstündigen Pause bis zum Hauptäct blieb Zeit, das Publikum zu betrachten. Freaks und Nerds - zu mehr als neunzig Prozent in schwarz gekleidet - waren zu sehen, unter welchen ich bestimmt nicht wenige Veganer oder ähnliche, mit Verlaub, Selbstkasteier vermuten würde; viele der Männer stellten nahezu alle denkbaren Arten von Bartwuchs zur Schau, während - für mich ein wenig überraschend - gar nicht mal wenige Frauen anwesend waren; von denen wiederum dürften die meisten zu großen Teilen der Gothic-Szene nicht allzu fern stehen, wie ich annehme. Die vorherrschende Grundstimmung war entspannt, recht ruhig, sehr angenehm für einen sonntäglichen Konzertabend.  

Neurosis betraten kurz vor halb elf die Bühne, standen da, wortlos, stimmten die Instrumente, gaben dem Mischer Handzeichen. Das Publikum verstummte weitgehend, zollte verhaltenen Applaus. Nun kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob dem ersten Song ein Intro voranging, denn nach der kurzen, schweigenden Pause, nachdem die Bänd sich formiert hatte, erinnere ich mich vor allem an kurze Zeit später um mich herum zuckende, sich fast windende Körper, manche mehr, manche weniger kontrolliert. Die Bänd bewegte sich ebenso, immer wieder in ihren Bewegungen innehaltend, Hand und Kopf nach oben gereckt, sich mit gesamtem Oberkörper ruckartig gen Boden zu neigen. So verhielt sich derweil auch die Rhythmik, die ihren ganz eigenen Regeln zu folgen schien. Unterbrochen waren die lauten Passagen, die mit hart an der Grenze zum schlichten Grollen liegenden Schreigesängen gepaart waren, immer wieder durch langsame, sphärische Phasen, in welchen hie und da einzelne Töne, mal von Gitarren, mal von Tasten, gerne auch von Band erklangen, bevor der nächste Ausbruch folgte.

Die Musiker, Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren und Keyboard-Synthie-Mann, sahen dabei durchweg sehr angestrengt aus. So erinnerte mich die Mimik von Scott Kelly - einer der Bändgründer, der zusammen mit Steve von Till an der weiteren Gitarre sowie Dave Edwardson am Bass das verbliebene Trio aus der Urbesetzung stellt - häufig an Gimli, den Zwerg aus Der Herr der Ringe, während eines Wutanfalls. Einer der mir doch stark fehlenden Aspekte war denn eine zwischenzeitliche Auflockerung der musikalisch zelebrierten Weltuntergangsstimmung. Meinetwegen durch einen kurzen Dank ans Publikum, ein wenig Spaß an der Sache erkennen lassen, einen Anflug von Humor, Ironie, whatever...

So konnte zu mir kaum ein Funke überspringen, wenn auch phasenweise Passagen gespielt wurden, die mir ganz gut gefallen konnten. Beispielsweise, wenn dreistimmig in verschiedenen Lagen gebrüllt, geklagt und zu harten Riffs mit Ansatz von Melodie der Untergang dargestellt wurde. Insgesamt schien es mir jedoch, als sei auch jeglicher Ansatz von gesanglicher Leistung verpönt, obwohl gerade das die durchweg düstere, verbitterte, resignierte Grundstimmung hätte hervorragend konterkarrieren können - doch wer bin ich, einer seit fast dreißig Jahren agierenden Bänd Tipps oder Hinweise zu unterbreiten...

Nein, mein Ding war das beileibe nicht. Und dabei fand ich es nicht einmal grundsätzlich schlecht, sondern ganz einfach langweilig mit gelegentlichen Ansätzen zur Nervigkeit. Auch mein Begleiter hatte nach Ende des regulären Sets genug. Wir machten uns auf zur Tram, ohne abzuwarten, ob noch eine Zugabe folgen sollte, und ließen nach etwas irriger Bahnfahrt mit einem notgedrungenen Frischluftspaziergang und einem anschließenden Bier auf der Terrasse den auf manche Weise ungewöhnlichen Konzert-Abend und das Wochenende ausklingen...   

 

P.S.:

Ich habe natürlich eigenhändig nach der Setliste recherchiert, denn vielleicht gibt's ja bänd-affine Menschen unter meinen Treuen!? Außerdem wollte ich wissen, ob Zugaben gespielt worden sind. Here we go:


Eye / My Heart for Deliverance / At the End of the Road / Times of Grace / Distill (Watching the Swarm) /At the Well / The Tide / We All Rage in Gold / Bleeding the Pigs / Given to the Rising / Locust Star

Offenbar gab's also keine Zugaben mehr, allerdings muss ich sagen, dass eine Stunde und fünfzig Minuten denn auch mehr als genug waren...

P.P.S.: Wenn ich mir jetzt das olle Album anhöre, ist das doch wesentlich besser als die überwiegend jüngeren Stücke, die live zu hören waren. Oder wenigstens abwechslungsreicher und - ja - spannungsgeladener...

25.06.13

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