Es sei hiermit verraten. Der Betreiber dieser Seite hat einen heimlichen Freund. Dieser heißt nicht etwa Harvey, sondern ganz einfach Ralf und zeichnet sich durch einen unglaublich exquisiten Musikgeschmack aus. Ein Kennenlernen dieses offensichtlich durchaus sympathischen Menschen (als glühender Neil Young – Anhänger muss er per definitionem als solcher gelten) ist für den Normalsterblichen allerdings offenbar ein Ding der Unmöglichkeit. Seit Jahren schon werden mögliche Anlässe für ein Aufeinandertreffen (Geburtstage, Kino- oder Konzertbesuche etc.) von irgendeiner höheren Macht regelmäßig und immer extrem kurzfristig torpediert.
Der Autor dieser Zeilen ist daher mittlerweile zu dem Schluss gelangt, dass sich Ralf in einem Paralleluniversum bewegen muss und nur ganz spezielle Individuen hin und wieder mit seinem Erscheinen beglückt. Wahrscheinlich sind die Glücklichen gerade jene Musikbegeisterten, die es wert sind von einem wirklichen Kenner auf all die wahren und großen Künstler hingewiesen zu werden. Meine Wenigkeit zählt leider, leider nicht zu diesem exklusiven Kreis.
Diese Konzertkritik ist nun nichts weniger als der Versuch einer Kontaktaufnahme, ein Gruß in eine andere Realität.
Wo du also gerade auch immer sein magst: This notes for you, Ralf!!


Neil Young & Crazy Horse                 02.Juni 2013 Waldbühne, Berlin


Dauerregen, Wind, grauer Himmel und ziemlich kalt für Anfang Juni. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Konzertabend im Freien. Das hatte man sich dann doch etwas anders vorgestellt, damals beim Ticketkauf im tiefsten Berliner Winter (also irgendwann Ende April). Aber egal, immerhin könnte das ja jetzt die letzte Möglichkeit sein, meine wohl liebste Rock'n Roll – Kollaboration nochmals auf der Bühne erleben zu dürfen.
Die vereinzelten 'No Rain' – Rufe auf dem Weg von der S-Bahn zur Waldbühne, vorbei an dieser deprimierenden Nazi-Betonschüssel, die sich Olympiastadion schimpft, wurden dann auch - im Gegensatz zum Vorbild Woodstock - tatsächlich erhört. Kein einziger Tropfen verirrte sich an diesem Abend in besagte Veranstaltungsstätte. Eine Vorband (Los Lobos) gab's auch - aber die haben wir verpasst. War laut Aussagen einiger Umstehender sowieso nicht so der Hammer...


Punkt 20 Uhr Bühnenauftritt Neil Young und Crazy Horse: Kurzer Blickkontakt zwischen den Protagonisten und die Maschine kam ins Rollen. Mit 'Love and only love' groovte man sich langsam ein und bei Song Nummero Zwei, dem Klassiker 'Powderfinger', lief das Schlachtross dann auch schon auf Hochtouren.
Der Meister gab den Man in Black in voller Montur samt geschmackvollem Cowboyhut, der Rest der Band – auch schon alle in Ehren ergraut – zog ein bodenständiges Straßenoutfit vor. Insgesamt wieder alles gewohnt schnörkellos ohne bombastische Light-Show, Konfettiregen, Luftballons oder Leinwänden. Überhaupt wirkten die alten Herren auch auf dieser Riesenbühne weder irgendwie verloren noch größenwahnsinnig. Stattdessen schufen sie sich einfach selbst ihre kuschelige Club-Atmosphäre. 'Immer schön zusammenbleiben' hieß die Devise.


Die Setlist mag den langjährigen Fan etwas enttäuscht, die meisten Konzertgänger allerdings wohl eher erfreut haben: Man baute vorwiegend auf die alten Kracher-Hits, die man kennt und liebt. Selten live gehörtes Material aus älteren Crazy Horse – Zeiten kam dagegen kaum zum Einsatz. Dafür mit 'Hole in the Sky' ( einem eher öden, überflüssigen Midtempo-Song) und 'A Singer without a Song' zwei neue, bisher unveröffentlichte Stücke.
Aber natürlich geht es hier nicht um das Was sondern um das Wie, und da wird man kaum eine andere Band finden, die ihre Musik in derart hypnotische Zustände zu überführen versteht.


Und ja, genauso will ich 'Hey Hey, My My' hören: schräg, laut, unbändig – eine Woge von Lärm, die dich einfach wegbläst! 'Fuckin' Up' war zuvor der Wahnsinnsritt schlechthin, ganz großes Kino. Ein ewige Jam-Feedbackorgie, die sich auftürmt und dann plötzlich als unüberwindliche Wand vor dir steht, herausgemeißelt aus diesem tonnenschweren Klotz eines Gitarren-Riffs. Young, Molina und Sampedro rücken zusammen, umtanzen sich in ihrem synkopierten Bärentanz und irgendwann glaubt man sogar, ganz da hinten einen Sonnenstrahl zu erblicken. Oder war das doch nur eine akustisch erzeugte Fata Morgana?


Der obligatorische Acoustic-Teil der Show, sozusagen die paar Minuten Folkie-Neil allein mit Stimme und Instrument, ist in diesem Rahmen natürlich immer heikel. Doch die Songs fügten sich nicht nur hervorragend in den Gesamtkontext ein, sondern waren gleich in mehrerer Hinsicht überraschend. Zwei Evergreens, die wohl so ziemlich jeder noch so musikferne Zeitgenosse kennen dürfte, geschrieben von den beiden wohl dienstältesten und am konstantesten seit weit über 40 Jahren tourenden Schwergewichten der populären Musikkultur. Das mag langweilig und vorhersehbar klingen, aber 'Heart of Gold' kam eben gerade nicht als nostalgischer Populismus, als Anbiederung an den Publikumsgeschmack rüber, sondern wirkte tatsächlich wie ein organischer Bestandteil eines durchdachten Programmablaufs. Und wenn anschließend geschätzte 25000 Kehlen 'How many roads must a man walk down' in den Nachhimmel über der Waldbühne brüllen, können sich die Nackenhaare schon mal aufrichten. Young spielt 'Blowin in the Wind' ohne ironische Attitüde, aber auch ohne den poetischen Gestus, den ein Dylan mittlerweile so perfektioniert hat. Das klang nach Wut, nach Relevanz, nach Aktualität. Ein kurzer Gruß an Mr. Zimmerman, der in der Woche zuvor 72 Jahre alt wurde.


Danach wurde es mal kurz skurril, als während 'A Singer without a Song' plötzlich eine Dame mit Gitarrenkoffer am Bühnenrand auftauchte. Ah, ein musikalischer Gast! Aber dann folgte diese Szene: Besagte Person schritt Richtung Bühnenmitte, stellte ihren Koffer ab, schaute kurz ins Publikum, nahm das Instrument wieder in die Hand und zog wort- und musiklos von dannen. Sängerin sucht Song und findet ihn nicht. Die einzige ‚Show-Einlage’ und irgendwie ziemlich schräg.


'Ramada Inn’, das den Beginn des zweiten Crazy Horse – Aktes markierte, kommt in kraftvoll, stoisch vorgetragenem Gewand daher. 'Cinnamon Girl' und der alte Buffalo Springfield – Klassiker 'Mr Soul' rundeten das Menü ab. Leider fielen ausgerechnet bei diesen beiden Stücken die insgesamt sehr schlechten Soundverhältnisse in der Waldbühne deutlich ins Gewicht. Da war plötzlich kein Donnergrollen mehr, sondern nur noch Brei! Auf 'Like a Hurricane' als einzige Zugabe, mit Sampedro an der schwingenden Orgel hätte ich zwar gerne zugunsten einer nicht ganz so totgespielten Perle (etwa 'Everybody knows this is Nowhere', mit dem sie das Hamburger Konzert beendet haben) verzichtet, aber die verzückten Gesichter um mich herum signalisierten, dass ich damit an diesem Abend eindeutig zu einer Minderheit gehört haben muss.


Nach knapp 80 Minuten war dann auch schon Schluss – mit jeweils knapp 70 Lebensjahren auf dem Buckel und nach einer solchen Energieleistung dürfen die Herren auch mal etwas kürzer treten. Die Regenwolken hatten sich verzogen und am Horizont blitzte kurz das Sternbild des verrückten Pferdes auf, die Fäuste in die Luft gereckt.

 

Martin

22.06.13

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