Musikalischer Jahresrückblick 2018

 

Von einer geschätzten Person meines näheren Umfelds werde ich hin und wieder als Nerd bezeichnet. Der Bezeichner tat letzten Sommer dabei ausdrücklich kund, dass ich mich seiner Beobachtung nach sowohl in meiner Nerd-Welt, als auch in der sogenannten 'richtigen' Welt ganz gut zurechtfände. Das ist zunächst beruhigend, wie ich meine. Leider vergaß ich, den besagten Bezeichner danach zu fragen, welcher Welt er denn Pändys Corner zurechnet - wobei ich die Antwort erahne...

So what und anyway - jedenfalls war ich 2018 in der vorgeblich richtigen Welt ziemlich übervollbeschäftigt, weshalb die Musik häufig Gefahr schrammte, viel zu kurz zu kommen. Und so hat mich dieser Tage und nach Ende der arbeitsreichen Zeitspanne häufig das Phlegma im Griff, gegen welches ich mich grad auch gar nicht so richtig kräftig stemmen mag. Dennoch möchte ich wenigstens ein bissl was aus dem Jahr berichten, das sich neulich verkrümelt hat. Also: anhalten, hinsitzen, umgucken - und einen kleinen Rundumschlag machen. Here we go:

Im frühen Frühjahr räkelten sich relativ häufig Lonely Kamel mit Death's-Head Hawkmoth im digitalen Abspielgerät. Das Album hatte ich als Promo-CD erhalten und es tat seine Dienste in meinen Gehörgängen mehr als gütlich. Außerdem hat es häufig geholfen, unangenehme Lärmquellen aus der unmittelbaren räumlichen Umgebung zu egalisieren. Jedenfalls: Coole Platte!! Nicht so hat es sich mit dem Album Snares Like Haircut vom eigentlich ganz geilen Lärmduo No Age verhalten, das mich nicht so richtig erwärmen konnte. Der März trug wieder interessantere Neuzugänge ins Haus. So etwa die Greatest Show on Earth von den Norwegischen Jazzern Elephant 9. Das ist echt große Hörshow. Die habens zwar nicht so mit Ohrwürmern im gängigen Verständnis, aber dafür sind ja auch andere zuständig. Beispielsweise die Decemberists. Die haben mit I'll Be Your Girl ihren Stil erneut verändert und diverse Pop-Elemente mit Achtziger-Wave-Anklängen eingestreut, was sich in verhältnismäßig vielen Keyboardsounds bemerkbar macht. An frühere Alben reichen sie jedoch für meinen Geschmack nicht heran, obschon die Platte manch hübschen Moment bereit hält. Das erste echte Highlight des Jahres krachte dann mit The Hands von Fire! ins Haus. Das Trio, ebenfalls aus Norwegen, zündelt so gekonnt wie beeindruckend mit düster rockendem Freejazz. Und das sogar ganz ohne Gitarre!!

Außerdem erwähnt seien Dead Kittens, die sich mit kraftvollem Comic-Rock ebenfalls angenehm unkonventionell anhören, was mir weitere Abwechslung in den Hörgewohnheiten beschert hat - wenn auch auf ganz anderer Linie als die zuvor genannten Nordlichter. Dagegen erscheint die Neoklassik auf All Melody von Nils Frahm ganz schön langatmig. Die alten Bekannten von Eels veröffentlichten derweil mit The Deconstruction eine hübsche, gelbe Doppel-10", klingen dabei solide und untrüglich erkennbar wie immer, doch konnten sie bei mir nur wenig Nachhaltigkeit hinterlassen.
Mit den ersten wärmeren Strahlen dröhnten mir dann Sunn O))) ins Haus. Ich hatte schon öfter über diese Bänd gelesen, bei der Vinyl-Wiederauflage ihres 2000er Debüts 00void griff ich unverzüglich zu und konnte mich durchaus faszinieren lassen von der zelebrierten Langsamkeit dieses Drone-Metal (oder so...). Und damit diese Art hörbarer Kunst nicht so alleine in der Kiste ist, gesellte sich Deathprod (ja, genau, jener Helge Sten, der mal Mitglied bei einer auf dieser Seite sehr verehrten norwegischen Bänd war und deren kommendes 2019er Album mitproduziert hat) mit Morals And Dogma hinzu. Wieder raus aus den stoischen Dröhntönen katapultierten mich im Mai Black Moon Circle. Deren Psychedelic Spacelord, bestehend aus einem einzigen, dreiviertelstündigen Song und eine großartige Brücke zwischen Kompositionen klassischer Musik und postrockender Psychrock-Sessions schlagend, war vom ersten Hören an ein heißer Anwärter auf das Album des Jahres. Sehr geil, das!!

Gerne geschrieben, aus Zeitgründen aber vermasselt, hätte ich im weiteren Lauf des Jahres über Stina Stjern, eine Musikerin aus Oslo, die ein Album mit alten, ziemlich umarrangierten Motorpsycho-Stücken aufgenommen und unter dem Titel Stina Stjern 's Numbness vs. Motorpsycho veröffentlicht hat. Dieses Werk ist nicht weniger als großartig!! Kann gut sein, dass ich mal im Bäckkatalog der Dame stöbern werde. Selbstverständlich auch sehr geil ist die Fortsetzung der Roadworks-Serie der von ihr interpretierten Bänd, insbesondere mit der neuen Volume 5 von der 2017er Tour und der erstmals auf Vinyl gepressten Volume 3. Motorpsychedelische Live-Freak-Outs zum im Sessel nachhören, oh yeah!!
Doch nicht nur in Norwegen sind die Menschen kreativ, wie das in der bisherigen Erzählung meines vergangenen Musikjahrs eventuell erscheinen mag. Alexander Hacke & David Eugene Edwards - von den Neubauten bzw. Woven Hand - steckten ihre Köpfe und Instrumente zusammen und bastelten mit Risha ein ozeanübergreifendes Werk, das der beiden unterschiedliche Stile wie selbstverständlich verschwimmen lässt. Dabei waren allerdings mehrere Durchläufe beim Goutieren erforderlich - sooo einfach isses dann doch wieder nicht. Ein Grower also - mit ganz ohne Konventionalität...

Den sommerlich verschwitzten Herbst läuteten die recht leicht bekömmlichen U.S.-Amerikaner Wayne Graham mit Joy ein. Nach bislang viel Experimentellem, vielen ungewöhnlichen und komplexen Sounds, war der entspannte Americana-Country-Rock aus Kentucky wohltuend und auch deren Live-Performänce im Swamp eine schöne Alltagsflucht. Weiterhin fand sich Hunter, ein tendenziell düsteres Werk der britischen Ausnahme-Künstlerin Anna Calvi in meinen Kisten ein, deren tief- wie hintergründiger Gitarren-Rock mit finster-sakral getünchtem Pop-Appeal mir erneut ziemlich gut gefällt.

Außerdem wollten mir nach dem Besuch des Theaterstücks The Black Rider für einige Zeit die typischen Rhythmen eines gewissen Tom Waits kaum mehr aus den Gehörgängen weichen, weshalb ich dankend die Wiederveröffentlichung dessen 1999er Mule Variations nutzte, um diesem Hördrang Genüge zu tun. Zudem veröffentlichten Einstürzende Neubauten mit Grundstück ein Album, welches vor ca. fünfzehn Jahren aufgenommene Stücke enthält. Dafür fand ich bislang allerdings noch nicht die nötige Ruhe. Hingegen zeigten die bluesig-steinigen King Buffalo mit Longing to be the Mountain ungleich mehr Präsenz auf meinem Plattenteller.
Gegen Ende des Jahres fielen dann in Form von 7"-Singles zwei Vorboten des im Januar erscheinenden fünften Studioalbum von Spidergawd ins Haus. Und die machten richtig gierig auf Album und die im März folgende Tour. Mit dieser Appetithappenlieferung kamen zudem das selbstbetitelte Album der Instrumentalbänd Papir sowie Mojo Rising von den Psych-Stoner-Rockern Psychlona an - erstere mit instrumentalen, sehr filigranen Melodien, letztere mit trocken rockenden Klängen. Beides treue Begleiter im Jahresendspurt. Somit wären also die letzten zwölf Monate hiermit komprimiert zusammengefasst. Sollte nun bei der Einen oder dem Anderen von Euch im Lauf dieses Rückblicks Neugier und Lust geweckt worden sein, würde ich folgende Empfehlungen abgeben:
Als wirklich herausragend zu bezeichnen sind unter den mir bekannten, in 2018 erschienen Alben, insbesondere die Alben von Black Moon Circle, Fire! sowie Stina Stjern's Motorpsycho-Adaptionen. Und für ausgewiesene Nerds natürlich der auf drei LPs gebannte Live-Nachschlag von Motorpsycho themselves - is klar...

Mehr als das heimische Musikhören hat allerdings in 2018 das Besuchen von Konzerten gelitten. Dennoch waren hier - nebst ein paar durchwachsenen - auch wirklich herausragende Veranstaltungen zu erleben. So etwa die Verlängerung der Tower-Tour der ewigen Helden aus Trondheim im Salzhaus in Winterthur - wie immer nicht weniger als eine Offenbarung!! Aber auch der Auftritt des kreativ verrückten Ty Segall im Frankfurter Zoom ist mir in ausgesprochen guter Erinnerung, wie ich zudem von Iron Maiden bei ihrem Freiburger Gastspiel im Juni sehr positiv überrascht war. Ansonsten stachen das Musiktheater The Black Rider im August heraus und im Januar die Sprechperformance Wer lebt, stört. Erneut sehr begeisternd war der Kurzgig der Jungs von 1st class im selben Monat. Von denen könnte auch der Maximum-Ohrwurm des Jahres stammen, Revelations of Destruct, den ich bislang allerdings noch in keiner Form zum zu Hause nachhören besitze...

Tja, das war also nun das erwähnenswerteste aus meinem Musikjahr 18 des frühen 21. Jahrhunderts. Bleibt noch der Blick auf das eigene Output, denn auch in dieser Sache gab es zwei persönliche Highlights: Zunächst der c0ntrapunk.t-Auftritt im Februar mit Rusty Beaches - mit Spaßgarantie - im guten alten Egon54 und dann, nach längerer Abstinenz, im Oktober mal wieder ein Solo-Gastspiel im Litfass. Immerhin zwei Präsenzen, damit bin ich durchaus zufrieden...

Nun, da der erste Monat im neuen Jahr schon wieder mehr als zur Hälfte durch und das alte Jahr ganz schön abgehakt scheint, bleibt mir noch der virtuelle Handshake mit allen, die in irgendeiner Form mit dieser meiner Lieblings-Website verbandelt sind:

Thänx Euch allen fürs Lesen, Gastschreiben, Mailen und Bemustern
- wish U all the Best für's noch immer recht frische und fortschreitende Jahr!!
Yours sincerely
Pändy

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