Musikalischer Jahresrückblick 2010

 

Mann Mann Mann, da war der Winter nicht mal zu 'nem Drittel vorbei, und schon sind mehr als drei Viertele des zu Verfügung stehenden Straßenstreusalzes verballert!! Fast schon wie beim Geld: noch nicht mal zwei Wochen des Monats um - und... genau!! Zum Glück ist nicht das ganze Jahr ein einziger Monat und dazu durchgehend Winter, was? Obwohl, dann könnte man sich doch mal so richtig schön daheim einlullen und ausgiebig die ganzen neuen Platten chronologisch durchhören. Das Musikjahr re-loaden, quasi. Okay, ich übernehm das jetzt mal kurz und schwing mich nochmal für Euch durch. Wo ist der Zeitknopf? Ah, hier!! Alles klar, es kann losgeh'n...

Nachdem die letzten Jahre recht gemächlich begonnen hatten, ging's im nunmehr so gut wie ausgeknipsten recht bald mit einem schönen Singer/Songwriter-Album von den EELS los, "End Times" genannt, tja, nach dem Thema, um welches es bei Mr. E meistens geht. Und als der Januar noch nicht mal zu zwei Dritteln um war, da traf mich auch schon ein richtiger Hammer: MOTORPSYCHO knallten mir mit "Heavy Metal Fruit" ein grandioses Werk auf den Plattenteller, welches ich hier gerne als ihr (mindestens) drittes Album mit absoluter Übergröße (in einer Reihe mit "Timothy's Monster" (1994) und "Trust Us" (1998)) betiteln möchte. Sechs Songs in sechzig Minuten endet es mit 'Gullible's Travails', einem zwanzigminütigen Mehrteiler, in den ich mich beim Hören nach wie vor derart verlieren kann, dass ich jedes Mal von neuem überrascht bin, wenn das Stück zu Ende geht. Eine sehr frühe Platte des Jahres!!

In den folgenden Wochen kamen die Frickler und Reimer DAN LE SAC vs SCROOBIUS PIP mit ihrem Zweitling "The Logic Of Chance" um die Ecke, der trotz einiger Ohrwurmkandidaten jedoch nur begrenzt an deren tolles Debüt anknüpfen konnte, auch STEREO TOTAL gingen mit "Baby Ouh!" in meinem Kosmos eher ein bisschen unter. Richtig festbeißen konnten sich derweil im Frühling DANIEL JOHNSTON AND BEAM mit "Beam Me Up". Insbesondere das hymnische 'Devil Town' wollte mir gar nicht mehr aus dem Gehörgang. Auch die FEHLFARBEN brachten mit "Glücksmaschinen" ein gutes Album ins Spiel, bevor DIE ZUKUNFT, bestehend aus Bernadette La Hengst, Guz und Knarf Rellöm, mit ihrem gemeinsamen Werk "Sisters & Brothers" viele Begeisterungswellen in meinen Synapsen auslösen konnten. Soul trifft E-Pop trifft Songwriter trifft Skurriles trifft Charme trifft - hurra: mitten ins Herz!! 

Als es endlich wärmer wurde, schienen sich viele Bänds von der Studio-Arbeit lösen zu können, es ging kurzzeitig Schlag auf Schlag: HOLY FUCK kamen mit ihrem druckvoll poppigen Post-Rock-Instrumental-Album "Latin" neu auf meiner musikalischen Landkarte an, die JAPANDROIDS vereinigten ihre beiden vergriffenen EPs zum erfrischend ungestüm rockenden Ecken-und-Kanten-Album "No Singles" und bescherten mit 'Darkness On The Edge Of Gastown' einen ausgezeichneten Ohrwurm. AGAINST ME! warteten mit "White Crosses" ein bisschen glatt gebügelt auf, doch Songs kann Mr. Gabel noch immer hervorragend schreiben. M.I.A. sorgte mit "Maya", textlich gerne provokant und musikalisch elektro-world-hiphop-rock-poppig, für Abwechslung im Gitarrenhimmel (und anderswo für Videozensuren ihres Clips zu 'Born Free'). Die guten alten MELVINS erinnerten mich mit "The Bride Screamed Murder" daran, mal wieder in ihrem langen Back-Katalog zu schnüffeln. Schließlich kam von Dan Snaith alias CARIBOU aus dem Nichts heraus mit "Swim" eine sehr entspannte Elekronik-Platte hereingeschneit, um für einen sehr entspannten Sommer-Soundträck zu sorgen.

Während jener Monate, welche sich hierzulande als wärmere Jahreszeit durchzumogeln pflegen, segelte mir "The Story Of An Artist" zu. Eine wunderhübsche 6-LP-Box des großartigen DANIEL JOHNSTON, auf welcher alte, analoge Aufnahmen erstmals auf Platte gebracht wurden. Schön Lo-Fi und viel Aufmerksamkeit einfordernd; hiermit werde ich mich ganz bestimmt noch ein Weilchen zu beschäftigen wissen. Außerdem ist diese Sammlung nicht nur musikalisch, sondern auch optisch ein eigenwilliger Leckerbissen!! Am besten mit etwas Whiskey zu genießen ist das dritte gemeinsame Werk von ISOBELL CAMPBELL & MARK LANEGAN, "Hawk", eine ziemlich schöne, versöhnlich klingende Scheibe aus leicht düsterem Singer/Songwriter-Country-Folk, wo ab und an auch mal ein klein wenig gerockt wird.

Derart ausgestattet konnte man schön entspannt den potentiellen herbstlichen Zuwanderern im heimischen Plattenasyl entgegen lauschen. Selbige ließen nicht lange warten, im Gegenteil, grad war man aus dem Laden, erschallte schon wieder der Ruf eines anderen begehrenswerten Werkes. Hier konnte sich auch mal wieder ein deutscher Künstler in den internationalen Reigen einschleichen, "Hurra, Hurra, So Nicht!" ließ GISBERT ZU KNYPHAUSEN (was ein Name...) verlauten. Und er bietet musikalisch wie textlich allererste Sahne feil - sofern man gelegentlich ein bisschen Ernsthaftigkeit vertragen mag. Zum Rumflippen schließlich gab's ja noch "Root For Ruin" von LES SAVY FAV, oder "A Columbus Feeling", die geile neue SPERMBIRDS. NO AGE ließen es auf "Everything In Between" etwas ruhiger angehen, ohne mit Ohrwürmern und Soundwällen zu geizen und THE WALKMEN trafen mich mit "Lisbon", einem so unspektakulär wie schönen Album voll auf die Zwölf. Zwischen all jene drückten MOTORPSYCHO die umfangreiche Box ihres neu aufgelegten "Timothy's Monster". Und als das Herz noch überlegte, wohin es zuerst schlagen soll, bog BOB DYLAN mit der Bootleg-Serie Nr. 9, "The Whitmark Demos: 1962-1964", um die Ecke. Eine ganz ausgezeichnete Spätveröffentlichung früher Aufnahmen auf zwei CDs, neben welcher - so ganz nebenbei - das Album "Folksinger's Choice" im Schlepptau der Archivsortierung aufkreuzte. Letzteres enthält den Mitschnitt der gleichnamigen Radiosendung aus dem Jahre 1962, als der Herr selbst nicht ahnte, welch eindrucksvollen Weg er vor sich haben sollte.

Doch war dies lange nicht alles im goldenen Oktober: Fast gleichzeitig kam, ebenfalls als Doppel-CD, "Strategies Against Architecture IV" - na, von wem wohl? - na klar: EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN heißt die Kapelle, die ausgezeichnete Aufnahmen, viel Rares und bislang Unveröffentlichtes aus den Jahren 2002 - 2010 nun endlich öffentlichen Ohren zu Gehör schickte. Deren Mastermind Blixa Bargeld schien sich derweil gedacht zu haben: 'Och, das is ja gar nich so richtich was neues, da ruf ich doch ma mein Kumpel Alva Noto an, was der grad so treibt'. So konnten sich Volksangehörige mit komischen Geschmäckern gleich auch noch über das schön abstrakt-ambient-lastige "Mimikry", mit herrlich verfremdetem Gesang Bargelds vergnügen. Wohlgemerkt: dies ähnelt eher einem vertrackten Hörspiel denn einer musikalischen Darbietung. Ach so, ANBB nennt sich dieses Duo, in ganz: ALVA NOTO & BLIXA BARGELD. Und à propos Mastermind: ich hätt's nicht mehr für möglich gehalten, aber der gute, alte, gelegentlich abstürzende Dave Wyndorf hat es tatsächlich geschafft, mal wieder ein richtiges MONSTER MAGNET-Album zu machen. Kein Überwerk, aber doch ein Grower, mit ein paar richtig geilen Stücken drauf, genannt völlig selbstunkritisch: "Mastermind". Zum Glück gab sich auch OLD SEED die Ehre und spielte, zusammen mit Bänd, eine 10" namens "Reveal" ein und lässt hier fast schon Kammermusikalisches auf des Ausnahme-Songwriters vorzügliche Stimme treffen. Ein schönes Kleinod, das permanent die Einladung versprüht, zwischendurch einfach mal wieder runter zu kommen...

Gegen Jahresende beruhigte sich die Flut an für mich unbedingt interessanten Veröffentlichungen dann wieder ein wenig; umso skurriler mein finaler Jahresneuzugang: lokale Helden namens FLEISCHLEGO gaben eine schicke, weiße 10" heraus, genannt "Die Amstetten Lounge Sessions". Genau so verschroben wie der Titel klingt das Ganze denn auch - ach, bevor ich da jetzt was los lasse - hört's Euch doch einfach selber an...

Tja, liebes Lesekränzchen, das war nun also der Großteil der mir im abgelaufenen Jahr zugelaufenen Platten. Und nun, da Ihr mir so weit gefolgt seid, möchtet Ihr sicher sowas wie eine Kür erleben. Eigentlich mag ich das ja nicht so gerne, aber okay, Ihr habt's Euch echt verdient, ich schmeiß ein paar Lorbeeren:

Es hat sich tatsächlich retrospektiv bewahrheitet, dass meine persönliche Platte des Jahres bereits im Januar das Licht der Welt erblickte: Motorpsycho's "Heavy Metal Fruit"!! Das Meisterwerk des aktuellen Line-Up!! Da kam echt keiner mehr dran vorbei. Nichtsdestotrotz seien in loser Folge noch einige hervorzuheben, die mir besonders viel Spaß gemacht haben: so ragten die Japandroids deutlicher heraus als andere. Auch The Walkmen standen (und stehen noch) ganz hoch im Kurs, wie auch der gute Danny Johnston. Dylan's "Whitmark Sessions" seien hier ebenso noch aufzuführen wie die aktuelle Sammlung der Neubauten, wo es jeweils viel (altes neu und umgekehrt) zu entdecken gibt. Und - na klar - "Timothy's Monster", bereits zuvor eine der Lieblingsplatten für die Ewigkeit...

Und wer nach diesem langen Text noch immer nicht genug gelesen hat, dem flüster ich gradewegs meine liebsten Konzerte des Jahres ins Auge:

Auch hier stehen die beiden Konzerte von Motorpsycho nicht nur ganz oben auf der Liste der ekstatisch jauchzenden Erinnerung, sondern meines kleinen Erachtens auch bar jeder Konkurrenz. Trotzdem gab es noch andere herausragende Konzerte im abgelaufenen Kalenderzeitrahmen zu bestaunen: Justin Sullivan's Charisma-Show mit New Model Army im Jazzhaus war ganz groß, außerdem bestachen Die Zukunft im Great Reng Teng Teng mit nicht zu bändigendem Charme, ziemlich weghauen wiederum konnten auf der Bühne des Atlantik Nomeansno. Ebenfalls unbedingt Erwähnung finden sollten hier noch die Telekinesis-Solo-Präsentation im Flight13 sowie Pothead's klangästhetisches Meisterstück im neuen Karlsruher Substage.

Und da sind wir doch tatsächlich endlich am Ende dieses schier nicht enden wollenden Artikels angekommen, was? Ich hab fast schon selber nicht mehr dran geglaubt, dass das Tastengeklappere heute noch verstummen könnte, so, wie es nach den Motorpsycho-Konzerten außerhalb meines Vorstellungsvermögens lag, überhaupt jemals wieder auf ein Konzert zu gehen. Und dass ich Monster Magnet in Heidelberg (...autsch..) verpassen musste, verursacht ebenfalls keine Schmerzen ... (aua - was ist das denn jetzt... verflucht...)

Ich danke jedenfalls von Herzen für's reinschau'n, wünsch Euch allen ein supergeiles 2011, mit vorzüglichem Soundträck und was immer Ihr Euch selber wünscht!! Gehabt Euch wohl und - wenn Ihr wollt - bleibt mir treu!!

                                     Yours sincerely     Pändy !! 

 

P.S.: Ein besonderer Dank geht natürlich auch meine werten Gastautoren Micha und Martin!! Rock it 'til you shock it!!

26.12.10

nach oben

 

 

 

News /Termine
Heißer Scheiß

Pändys neueste Empfehlungen NEWS 5. September 2022
mehr

* * *