Motorpsycho  The All Is One  (VÖ: 28.08.20 / Stickman)


Eine Empfehlung an den professionellen Musikjournalismus vorweg: Langsam aber sicher sehe ich es an der Zeit, den Begriff der Motorpsychedelik als Bezeichnung eines Genres ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Das wäre wesentlich kürzer, als beim Reviewen immer wieder die ganzen Einflüsse herunterzuzählen, die bei jedem neuen Werk von Motorpsycho aus deren Schaffen wieder zurück in die Musikwelt fließen. Soll heißen: Der Wahnsinn geht weiter!!

Mit The All Is One haben Motorpsycho ein Album kreiert, das wie keines ihrer Studiowerke zuvor so viel Nähe zur musikalischen Dynamik der Live-Performänces der Bänd aufweist. Das geht natürlich am besten mit Unterstützung und Ergänzung durch an ihren Instrumenten nicht eben spärlich talentierte Gäste: Da war zunächst der längst durch Touren und Mitwirkung an anderen Alben hinreichend bewährte Reine Fiske an der Gitarre geladen, immer eine prima Ergänzung zu Snah's Saitenspiel. Des Weiteren ist Lars Horntveth von der norwegischen Nu-Jazz-Bänd Jaga Jazzist mit dabei; so klingen denn auch manche Parts des Oevre deutlich nach der 2003er Kollaboration beider Bänds im Rahmen der Reihe In The Fishtank, eine entspannte Version von Rock fusioniert mit Jäzz. Zudem verfeinert der Jäzzviolinist Ola Kvernberg das Werk mit passenden Geigenklängen. The All Is One bildet, nach 'The Tower' und 'The Crucible', den dritten Teil und Abschluss der Gullvåg TrilogieHåkon Gullvåg ist der Künstler, der sich für das Cover-Artwörk dieser drei Alben verantwortlich zeigt und mit seinen dramatisch wirkenden und surreal anmutenden Motiven das Gesamtkonzept der jeweiligen Alben optisch perfektioniert.

Jedoch beginnt The All Is One mit dem Titelsong eher unspektakulär, recht eingängig, teils hymnisch. Die Härte zum Auftakt, wie bei den beiden Vorgängern, ist deutlich reduziert und mir entstehen zunächst Assoziationen zu Stücken wie "Cloudwalker" vom 2014er Album 'Behind the Sun'. Überhaupt weisen die vier ersten und die vier letzten Stücke des neuerlichen Doppelalbums viele Parallelen zum bisherigen Schaffen auf. Gerade so, als entstammten sie diversen Albumouttakes der letzten ungefähr 25 Jahre, die jetzt ihren finalen, passenden Anstrich erhielten.

So richtig interessant wird's dann mit "N.O.X. I - Circles Around the Sun Pt 1", dem ersten Teil des zentralen, sich über gut vierzig Minuten ausstreckenden "N.O.X.". Dieses Stück ist wiederum in fünf Teile untergliedert. Die Sonnenkreise bilden, wenn man so will, den Auftakt zum Album innerhalb des Albums und beschließen dies auch wieder mit "N.O.X. V - Circles Around the Sun Pt 2". Dazwischen: Psychedelisch proggender Spacerock, Free-Jäzz-Eskapaden und phasenweise gar rhythmische Affinität zu elektronischer Trance-Music. Bei aller Abgehobenheit lassen auch hier ältere bis alte Werke der Trondheimer immer mal wieder einen kleinen Gruß durchklingen, der für zwischenzeitliche Erdung sorgt. Etwa bei "N.O.X. IV - Night of Pan", wo sich zu Beginn die 'Demon Box' rhythmisch einschleicht und sich dann stets im Schatten des Geschehens der folgenden viertel Stunde herumtreibt. Mit diesem schlichtweg ungeheuerlichen Trip durch ungeahnte akustische Sphären geht die Auslotung musikalischer Möglichkeiten weiter, lässt neuerlich Grenzen verschwimmen und verschwinden, integriert meditative Klänge in Reigen von Soundgewittern, so dass die Überraschung ob der schier ungezügelten Kreativität der Bänd kaum noch eine ist, sondern sich vor allem die Frage stellt, wie die Überraschung wohl diesmal klingen wird. Oder aber man stellt sich die Frage erst gar nicht und geht einfach mit auf die Reise, die sich nahezu jeder Beschreibung verweigert...

Nach diesen Songs gewordenen Sessions wird man von "A Little Light" zurück in die reale Welt geholt. Das kürzeste Stück des Albums leitet, langsam und instrumental, mit fein gezupfter Gitarre in den letzten, motorpsychedelisch wieder etwas konventionelleren Teil des Werks über. Und bildet gleichsam die Brücke zurück zum Einstieg. Alles in Allen erscheint es mir, als könne sich die Bänd mit dem nächsten Album ein paar Jahre Zeit lassen – was ich natürlich nicht hoffen möchte –, benötigt The All Is One doch ungemein viel Aufmerksamkeit und Hörzeit, wie auch eine gewisse Neugier der Hörenden und deren Bereitschaft, sich einzulassen.

So ist es erneut ein Faszinosum, wie diese Musiker ihren Stil fortsetzen, ausweiten, ergänzen, ohne dabei auch nur eine einzige ihrer Wurzeln zu vernachlässigen. Damit treten Motorpsycho einmal mehr als Ausnahmebänd in Erscheinung und es bleibt nur der Jammer, dass das derzeit nicht live zelebriert werden kann...


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Und übrigens: Schon die Songtitel lassen erahnen, was sich so in etwa dahinter verbergen könnte:

1 The All Is One (8.50)
2 The Same Old Rock (One Must Imagine Sisyphus Happy) (5.17)
3 The Magpie (5.36)
4 Delusion (The Reign of Humbug) (2.44)
5 N.O.X. I - Circles Around the Sun, Pt 1 (9.10)
6 N.O.X. II - Ouroboros (Strange Loop) (8.22)
7 N.O.X. III - Ascension (3.36)
8 N.O.X. IV - Night of Pan (15.32)
9 N.O.X. V - Circles Around the Sun, Pt 2 (5.54)
10 A Little Light (2.18)
11 Dreams of Fancy (9.36)
12 The Dowser (2.45)
13 Like Chrome (5.03)

19.08.20
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