Motorpsycho                                                    28.04.13 Berlin, Lido

 

Berlin-Kreuzberg, Sonntag abend, halb neun. Das Licht im Saal des ausverkauften, etwa fünfhundert Menschen fassenden und sehr angenehmen Wohlfühl-Club Lido geht aus; vier Musiker betreten die Bühne. Vom Publikum aus gesehen rechts außen nimmt der hochgeschossene Kenneth Kapstad seinen Platz am Schlagzeug ein, neben ihm beginnt Hans Magnus Ryan alias Snah am Gitarrenkabel zu nesteln. Zu dessen Rechten hängt sich Bent Sæther den Bass um und geht ans Mikro, während am linken Rand Reine Fiske, der Gast aus Schweden, sich zwischen Keyboard und Gitarre sortiert: "Good Evening".

Mit "Year Zero" eröffnen Motorpsycho das Konzert. Langsam, ganz ruhig und langsam lassen sie das Stück sich entfalten; schnell ziehen sie mich in ihren Bann, der mich während der folgenden Reise durch das motorpsychedelische Universum nicht mehr loslassen wird. Ich schließe die Augen, während das Stück sich aufbaut. Lausche ich den Schlagzeugrhythmen, so will ich kaum glauben, dass dieser Mensch, der da sitzt, grade mal zwei Arme und ebensowenige Beine hat. Sein Rhythmus hat mich fest im Griff. Dann gibt er mich weiter an den Bass, dessen Soundströme jeden Song glasklar untermauern, dabei eine Wucht und einen Druck ausströmen, der mir vor dem inneren Auge Saiten in der Stärke von Schiffstauen weismachen möchte. Es scheint, als kontrolliere dieser das akustische Geschehen, ohne es hierbei zu dominieren. So wie alle Instrumente des Trios in gleichen Maßen Lead- wie Rhythmusinstrumente sein können. Keiner, das ist das Bemerkenswerte, dominiert ausschließlich. Auch nicht Snah, der Ausnahmegitarrist, an dessen Spiel mich der Bassist weiterreicht und dessen Finger scheinbar schwerelos über das Griffbrett huschen und fliegen, während der Künstler offenbar jeden einzelnen Ton seines Instruments mitlebt und dessen Gesichtszüge beim Spiel immer wieder von beglücktem Lächeln vereinnahmt werden. Ehe man sich versieht, sind die Musiker bereits voll in ihrem Element. Nahtlos gehen sie über in "hell, part 1 -3". Eine erste Ansage zu einem der Lieder von 'Still Life With Eggplant', dem brandneuen Album, folgt nach dem dritten Stück. Hier enden sie in einem Jäm aus Rock und Jazz, Psychedelic und nochmal Rock, der ersten mehrerer Sound- und Rhythmusorgien des Abends, bevor dies ausufernd in "Ratcatcher" übergeht, das die Orgie einfach fortsetzt. Es ist fantastisch, wie zeitweise gleich drei Rhythmen um die Gunst der Körperbewegung heischen. Nein, besser noch, sie überlassen der Physis selbst die Entscheidung. Ich fühle mich körperlich ebenso stark an den Sound gebunden, wie sich das Sein darin aufzulösen scheint.

Danach halten die vier das erste Mal kurz inne. Luft holen, ah, gut so. Bent sagt ein Stück aus der "Pop-Phase" der Bänd an; erzählt, dass sie damals sogar einen TV-Auftritt hatten, nun aber einen neuen Anfang des Liedes ausprobieren wollen. Schließlich erkenne ich den Song an der Melodielinie der Gitarre und am Gesang bzw. Text. "Überwagner" von 'It's A Love Cult'. Sehr geil, dieses einstmals straight nach vorne gehende Stück zu einem frei schwebenden, ruhigen Psycho-Prog-Chanson umzufunktionieren. Einfach großartig!! Beim folgenden "upstairs-downstairs" vom 99er 'Let Them Eat Cake' dasselbe Spiel, ein völlig neues, hochatmosphärisches Gewand für den Song. Hammer!! Nach diesen wunderbaren Eskapaden gehen sie über zu Stücken von 'Blissard', zu welchen wiederum der Bassist und Mastermind die Wiederveröffentlichung dieser Platte vor einem halben Jahr als 4-CD-Box erwähnt - "like all legendary bands do with legendary albums". Lacht hiernach und kommentiert den Applaus mit "that was begging, wasn't it?".

Als ob sie das nötig hätten!! Sie spielen offenbar vorzüglicher Laune ein hervorragendes Set. Auch ihr Gast, meist an einer weiteren Gitarre, gelegentlich auch am Keyboard beschäftigt, scheint im Lauf des Abends mehr und mehr in die Bänd zu finden. Anfangs noch ein klein wenig als Beiwerk erscheinend, steht immer seltener ein Trio mit Gast auf der Bühne, welcher auf dem aktuellen Album geladen war, sich Gitarrendialoge mit Snah zu liefern, sondern es erwächst ein Quartett. Insbesondere die Keyboardeinlagen des vierten Mannes befinde ich als sehr bereichernd für einige Stücke. Ganz besonders beim abschließenden "Un chien d'espace", bei welchem er Snah an der Gitarre ausgezeichnet ergänzen kann. Dieser indes entlockt seinen Saiten mittels gekonnt eingesetzter Effektgeräte Klänge, welche man nur begrenzt einer Gitarre zuschreiben würde, hätte man nicht mit eigenen Augen gesehen, wie das Gehörte live gespielt wird.

Nach anderthalb Stunden verabschieden sich die Musiker. "Halbzeit", sagt hinter mir ein Besucher zu seinem Begleiter. Ich wiederum bin einfach nur gespannt, womit die Zugaben eröffnet werden. "S.T.G.", ein weiteres Stück von 'Blissard', macht den Auftakt. Nun ist die Bänd bereits mehr als warmgespielt, besticht daneben durch spielerische Lässigkeit, sodass sich Bent während einer Performance mittels gleichzeitig in die Höhe gereckter Gitarrenhälse in einer sich mehrfach wiederholenden Passage zu einer neckischen Geste Fiske gegenüber hinreißen lässt: beim letzten Mal lässt er seinen Bass abtauchen und hat gar eine lange Nase für den Schweden übrig. Überhaupt ist schwerlich zu übersehen, dass Sæther der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist. Er übernimmt nicht nur die Ansagen, er dirigiert auch stets das Geschehen mittels Nick- und Blickkontakten zu seinen Mitstreitern, um immer zur rechten Zeit einen Jäm einzuleiten oder auch zu beenden. Als weiterhin bemerkenswert ist außerdem, dass an diesem Abend - wie auch auf der aktuellen Platte - immer wieder den Harmoniegesängen der beiden Ur-Mitglieder Bent und Snah viel Platz eingeräumt wird. Und -  was soll ich anderes sagen als die Wahrheit? - sie tun dies glänzend!! Auch wenn der Bassist beim letzten Stück einmal ennerviert seinen Gesang abbrechen muss, weil ihm offenbar die Luft ausgeht - es ist unglaublich, dass jemand nach über zweieinhalb Stunden solch energie-geladener Live-Performance überhaupt noch so klar und sauber singen kann!!

Auf die Gefahr hin, meine sehr geehrten Leserinnen und Leser wiederholt mit Lobgesängen auf diese Bänd anzustrengen, muss ich trotzdem festhalten: das sind definitiv die besten Musiker, die ich jemals live erleben durfte. Das Konzert stellt einen einzigen, 165 Minuten andauernden Höhepunkt dar, und so verlasse ich einmal mehr restlos begeistert Ort und Stelle eines Motorpsycho-Konzerts. Bereits auf der Oberbaumbrücke geht es wieder los: eine Song-Passage jagt im Kopf die nächste. Den Anfang macht die Zeile "we turn our backs on what we knew..." aus "Year Zero" - in der Folge mischen sich noch so einige andere darunter. Glücklich lasse ich mich mit meinen beiden Begleitern am Boxhagener Platz noch ein wenig nieder, diesen wundervollen Tag entspannt ausklingen zu lassen...

Dem ist nur noch die allergrößtenteils und höchst persönlich selbst gemerkte Setliste hinzuzufügen:

Year Zero (a damage report) / hell, part 1 -3 / vanishing point / barleycorn (let it come/let it be) / ratcatcher / Überwagner or A Billion Bubbles in my Mind / upstairs-downstairs / Sinful, Wind-Borne / -drug Thing- / 'S Numbness / The Bomb-Proof Roll and Beyond (for Arnie Hassle) // S. T. G. / Sail On / August / X-3 (Knuckleheads In Space)/The Getaway Special // Un chien d'espace

3.05.13

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POST SCRIPTUM:

Hey!! Guckt Euch doch selber mal ein Konzi dieser Bänd an. Vielleicht kriegt Ihr dann ja so ein bisschen eine Ahnung, wieso ich gar nicht anders kann, als Euch damit grenzenlos vollzuschwärmen...

 

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