Justin Sullivan 13.09.21 Freiburg, Jazzhaus

 

Meiner bescheidenen Beobachtung nach sind Menschen mit Haltung wesentlich häufiger in der Kunst zu finden, als beispielsweise in der Politik. Neulich montagabends erlebte ich das Gastspiel eines solchen Menschen im Freiburger Jazzhaus – und es war weit mehr, als ein Konzertabend...

Justin Sullivan, der sich in dieser Lokalität offenbar sehr wohl fühlt, war im Rahmen seiner Solotour – und zwar wirklich ganz alleine, ohne jedwede Begleitbänd – zugegen; geschätzt etwa hundert Kulturhungrige nahmen im bestuhlten Keller vor der Bühne Platz. Was folgte, nachdem Sullivan gegen viertel nach acht die Bühne betreten hatte, war eine wahre Kaskade an Geschichten. Geschichten, die er zumeist anhand akustischer Gitarre begleitete. Häufig erzählte er aber auch einfach nur zwischen zwei oder drei Songs, was ihn binnen der vergangen anderthalb Dutzend Monate so bewegt hatte. Ja, er war offenbar in sich gegangen, in Zeiten von Lockdowns und Einschränkungen, ohne je den Blick hinaus in die Welt verloren zu haben.

So zog Sullivan das Publikum im Lauf der gut eindreiviertel Stunden spürbar immer mehr in seinen Bann und schaffte dabei den Spagat, weitab von jeglicher Anbiederung, echte Nähe unter sich und den Anwesenden herzustellen, die ihm durchweg angetan lauschten. Die meisten Songs im Set waren wohl eher jüngere New Model Army-Stücke oder vom aktuellen Solo-Album 'Surrounded'. Kein Song vom ersten Solo-Album, keiner der großen Klassiker – ich jedenfalls kannte praktisch nix. Auf den ersten Blick präsentierte er sich im Stile eines klassischen Singer-Songwriters, hierbei streute er per Fußpedal gelegentlich atmosphärische Wave-Synthie-Sounds Marke New Model Army ein, verzerrte den akustischen Sechssaiter mal dreckig – und gab sich gar ein Mal einer Karaoke-Einlage hin; mit Gesang und Harp zu poppiger Musik vom (digitalen) Band.

Mit seinem eigenwillig unprätentiösen Gitarrenspiel und der einzigartigen Stimme hob er sich gleichsam vom gängigen oder gar klassischen Singer-Songwritertum ab. Die Songs waren von introspektiv ruhig bis rau rockend, diese Dynamik wechselte auch innerhalb manch einzelner Stücke, während Justin über Liebe und von verschwundenen Flugzeugen sang, von sich oder über andere empathische oder wütende Melodien vortrug. Viele seiner erzählten Intermezzos enthielten eine sehr sympathische, manchmal lakonische Süffisanz. Etwa, wenn er sich darüber freute, dass sich so viele Leute an einem so schönen Abend lieber in eine Black Box hinein begeben hatten, ihn zu hören. Oder von einer 1975 unternommenen Reise per Daumen durch die USA, als er das Land und die Menschen als angenehm müde und melancholisch erlebt hatte.

Doch er tat ebenso kund, dass er nach Ende der Pandemie kein altes Normal mehr wolle, sondern sich wirkliche Veränderung von Verhältnissen wünsche, was er ohnehin bereits seit vielen Jahren besingt. Ein "FUCKING Brexit" und sonstige Hinweise auf ähnlich reaktionäre gesellschaftlichen oder politischen Geschehnisse blieben selbstredend nicht aus, ebenso wie er immer und immer wieder die Natur und vor allem den mysterösen wie mächtigen Ozean in seinen Songs zu zelebrieren pflegt. Die punktgenaueste Aussage, die er im Lauf dieses großartigen Gigs zum Verhalten der Menschen in der Pandemie äußerte, war sein Eindruck, wir alle seien einfach nur "extreme Versionen von uns selbst" geworden...

Bei aller Klage und dem Anprangern politischer wie gesellschaftlicher Missstände, umarmte er dennoch mit seinen Worten – hinterm Bühnenlicht die Wand stets in rot, grün, blau oder violett getaucht –, die Welt wie die Menschen. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem unvergleichlichen Timbre seiner Stimme...

Nun liest sichs aus diesen Zeilen zwar unschwer heraus, ich sags aber gerne noch mal deutlich: Der Mensch, Musiker und Geschichtenerzähler Justin Sullivan ist eine höchst beeindruckende und faszinierende Persönlichkeit. So schien es denn auch, als habe der Mittsechziger beim durchweg sitzend präsentierten Auftritt sein Charisma noch einigermaßen im Zaum gehalten, ehe er es mit dem letzten Song, der einzige, den er im Stehen spielte, gänzlich ungezügelt in den Raum entließ.

Dieser wirklich augezeichnete und beeindruckende Abend, zumal in lange vermisstem Ambiente eines hübschen Clubs, wird sicherlich noch lange nachwirken...


17.09.21


Und genau so könnt Ihr Euch das vorstellen...

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