PJ Harvey                      Berlin, Zitadelle Spandau 20.Juni 2016


Ach ja, die Zitadelle Spandau und ihre Sommerveranstaltungen! Ist eigentlich ein wunderschöner Ort für konzertante Erlebnisse in Freiluftatmosphäre und man geht trotzdem nie wirklich gerne hin.
Überteuertes Verpflegungsangebot, der Sound ganz gut, aber immer irgendwie zu leise, zu wenig präsent, viel zu früher Konzertbeginn, weil wegen irgendwelcher Auflagen um spätestens 22 Uhr Schluss sein muss (wohlgemerkt: die Zitadelle befindet ich nun wirklich nicht in einem Wohngebiet!) und immer ein – nun ja – gewöhnungsbedürftiges Publikum. Gleich mehrere Besucher in meinem Lauschumfeld beschwerten sich über die Rauchentwicklung infolge meines Zigarettenkonsums (unter freiem Himmel!). Dieselben Herrschaften – allesamt schon im gesetzten Alter – hielten mir dann aber während des Konzertes permanent ihre gar nicht so smarten Phones vor die Linse und konnten nicht verstehen, dass ich das meinerseits wiederum als Belästigung empfand.


Sei's drum! Für dieses Konzert war ich bereit, nach einigen Jahren mal wieder in diesen 'Nicht-Wirklichen' Berliner Stadtteil im äußersten Westen zu pilgern. PJ Harvey gehört schon seit Jahren für mich (neben Radiohead) zu den Künstlern, die ich noch mindestens einmal im Leben live erlebt haben will.
Natürlich ging es pünktlich los: Die Vorgruppe Low stand um 19 Uhr auf der Bühne, Polly Jean kurz nach 20 Uhr. Es war also noch taghell an diesem - ungewöhnlicherweise auch noch sehr sonnigen - Vorabend des offiziellen Sommerbeginns 2016. Das war leider gerade in diesem Fall etwas schade, denn die düstere, theatralische Darbietung von Harvey und ihren Mannen hätte in der Dunkelheit wohl eine deutlich imposantere Wirkung entfalten können.

Zunächst tönen Percussion-Fetzen von hinter der Bühne ans Ohr, im Stil einer New Orleans-Marching Band laufen die Musiker ein – Pauken, Trommeln, Trompeten, dann die Gitarristen und die restlichen Musiker, bis dort schließlich ganze 10 Mann ihre Plätze eingenommen haben. Eine sehr dünne, fast schon unsichtbare Person in Schwarz, eingewickelt in eine überdimensionierte Federboa, erscheint als Letzte und die ersten Zeilen von 'Chain of Keys' werfen gleich mal die Gänsehautmaschine an. So eine zerbrechliche Frau und so eine gesangliche Wucht! PJ Harvey hat tatsächlich die erwartete, schon fast einschüchternd wirkende Präsenz auf der Bühne.


Die nächsten knapp zwei Stunden bekam man nun ein streng durch-choreografiertes Set geboten. Allein all die großen und kleinen Gesten von Miss Harvey waren dabei jeden Cent wert. Nebenbei dirigierte sie die Band, ihr Orchester quasi, mit fast traumwandlerischer Sicherheit durch den Abend, während John Parish und Mick Harvey, treue Mitstreiter seit Jahrzehnten, den ganzen Laden mit ihrem präzisen Gitarrenspiel zusammenhielten. Musikalisch war das Ganze schon sehr nah an der Perfektion.
Wer allerdings eine Art Greatest Hits-Programm erwartet hatte wurde enttäuscht. Das neue Album "The Hope Six Demolition Project" kam in seiner Gänze zur Aufführung, durchsetzt von einigen Songs aus "Let England Shake" und dem ein oder anderen Klassiker (herausragend dabei vor allem 'Down by the Water' und 'To Bring you my Love' als fauchendes Doppelmonster gegen Ende des regulären Sets). Aber eben rein gar nix von ihren wahrscheinlich stärksten Werken aus den 00er Jahren. Sowohl das verschroben-geniale 'Uh Uh Her' als auch die Glanztat 'Stories from the City, Stories from the Sea' ignorierte die Frau aus England vollkommen. Schade, aber auch erwartbar – wichtig ist ihr die aktuelle Botschaft und nicht der Glanz vergangener Tage. Das war wohl schon immer so.


Stattdessen griff sie des Öfteren zum Tenor-Saxophon, einem der Markenzeichen schlechthin auf dem neuen Album, und schon wieder wurde man geradezu überrumpelt von dem kraftvollen Ton, den dieses winzige Wesen jenem großen Instrument zu entlocken verstand. Im Prinzip war es auch genau das was diesen Abend so besonders machte: Die Soundfalle schnappte schon in den ersten Minuten zu, hielt den Zuhörer bis zum Schluss in einem Klammergriff und immer wenn er sich etwas zu lockern schien, wurden nur Momente später die Daumenschrauben wieder angezogen. Da schrubbten plötzlich drei Gitarren vor sich hin, dann zwingt dich ein kompletter Bläsersatz in die Knie und immer wieder nutzt PJ Harvey einfach nur ihren gewaltigen Stimmumfang, um ein kollektives Kopfkino-Erlebnis zu starten.
Wie bereits erwähnt war das alles nicht wirklich eine spontane Rock'n'Roll-Show, sondern mehr eine Art durchkomponiertes Gesamtkunstwerk, das in seiner wunderschönen Entrücktheit auch keine Publikumskommunikation von Seiten ihrer Hauptperson nötig hatte. Die Band wurde zwischendurch mal vorgestellt, einen knappen Satz (auf Deutsch!) zur Begrüßung – mehr hatte die gute Polly Jean der Menge nicht mitzuteilen.


Ein fesselndes Konzert bis zum letzten Ton und es bleibt beim großen Respekt vor dieser Künstlerin: Perfekter kann man eine musikalische Vision tatsächlich wohl kaum umsetzen.


Martin 5.07.16

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