Fire! Orchestra 13.09.19 Villingen-Schwenningen, Theater am Ring
Support: Christoph Irninger Pilgrim

 

Während sich draußen die ersten Ansätze von Herbstnebel zeigen, wollen mich des Morgens die am Vorabend gewonnenen Eindrücke eines sehr speziellen Klangspektakels kaum mehr loslassen. Die schwedische Big Bänd Fire! Orchestra ist in vorderster Linie hierfür verantwortlich, deren musikalisches Wirken, welches sie nur recht selten live präsentieren, ich mir im Rahmen des Festivals Jazzin' the Black Forest im Villinger Theater am Ring zu Gemüte führen durfte. Bereits die ersprießliche Anreise auf die Baar durch den abendsonnengetränkten Schwarzwald rückte diesen Konzertbesuch aus dem gewohnten Rahmen. Ebenso die Lokalität, ein gut siebenhundert Personen auf kinositzartigen Sesseln fassendes Theater mit Gong als Zeichen, dass es gleich los geht. Schlag Acht, der Saal war zu etwa zwei Dritteln gefüllt und die Türen geschlossen, betrat ein Herr die Bühne, der sowohl über das Festival informierte, wie auch über die beiden an diesem Abend aufspielenden Formationen, ehe er einem Quintett namens Christoph Irniger Pilgrim die Bühne überließ.

Kontrabass, Schlagzeug, Piano, Tenor-Saxophon und E-Gitarre sorgten nun für eine Stunde nicht nur für eine angemessene Einstimmung, sondern durchaus auch für entzückende Erblüffung. Die ersten paar Minuten des ersten, aus drei Stücken zusammengesetztes und sich gut und gerne über eine halbe Stunde erstreckenden Werks, klangen noch nach eher gängigen Jäzzmustern. Dann aber setzte die Gitarre ein, die sich bereits durch ihren hart verzerrten Sound von jeder genre-typischen Gängigkeit verabschiedete. Von nun an entwickelte sich der Auftritt der Schweizer - vor warm-roter Bühnenhintergrundbeleuchtung - zu einer sehr gelungenen Expedition zwischen Experimentierfreudigkeit und (auch zum Verschnaufen der Hörerschaft) konventionelleren Spielweise aller Musizierenden. Diese wirkten auf mich, als seien sie alle mit ihren Klangtools verwachsene Autisten (im positivsten Sinne!!). Natürlich hatte es mir die Gitarre besonders angetan, deren Spieler Dave Gisler selbst das Klacken seiner Fußpedale gezielt instrumentalisch einzusetzen wusste. Nach solch einer akustischen Freakshow tat die folgende, etwa halbstündige Umbaupause, besonders dafür not, das Gehörte sich erstmal setzen zu lassen, dessen Nachgang zu genießen und sich auf das regelmäßig zu Orchestergöße anwachsende Trio Fire! vorzufreuen. Sehr gespannt war ich nämlich auf diese Bänd, die mir unter der Prämisse, ich goutierte doch ganz gerne auch mal obskure Klänge, vor ein paar Jahren im Plattenladen meiner Wahl empfohlen worden war und von der ich seither wirklich angefixt bin...

Die inklusive einer kurzen Zugabe knapp achtzigminütige Vorstellung des Fire! Orchestra wurde - nach vorweg erneuter Ansprache des Publikums seitens des Veranstalters - zupfend und streichend von einer Violinistin eröffnet. Sofort herrschte absolute Ruhe im Saal, fast wäre die vorhandene Spannung hörbar geworden, die das Orchester vom ersten Ton bis zum Ende des Spektakels permanent und auf hohem Level aufrecht erhalten konnte. So klinkten sich, ausgehend von den Klängen der Geige, langsam und vereinzelt, dabei aber beständig, immer wieder dirigiert von Bändkopf Mats Gustafsson, sämtliche anderen Instumente ein. Und Instrumente gab es einige: zwei Violinen, ein Organist und ein Pianist, zwei Sängerinnen, eine Trompeterin. Dazu zwei Klarinetten und ein Saxophon - und natürlich das Kerntrio von Fire! mit Kontrabass und Schlagzeug. Nicht zuletzt Gustafsson am Bariton-Sax.

Die eindrückliche Atmosphäre des Gesamtsounds dieses Kollektivs prägen insbesondere die beiden Stimmakrobatinnen. Diese wandelten leichtkehlig zwischen soulig-bluesigen, popaffin zuckersüß-herzerweichenden, bis hin zu in schierer Verzweiflung klagenden Gesängen umher, ehe sie sirenenhaft lockten, sich dabei aufs Harmonischste ergänzend dem Erzählsingen von Geschichten hingaben. Das Orchester zelebrierte stets die entsprechenden Klangwelten, seien es düster drohende, kontrapunktisch dazu sanfte oder zerbrechliche Passagen, die sich gerne zu wild wuchernder, kontrollierter Chaotik hin zu steigern pflegten. Für Jäzz-Puristen wäre das wohl eher nix gewesen. Nehme ich zumindest mal als Genreaußenstehender an... Anyway, sehr viele verschiedene musikalische Einflüsse sind hier identifizierbar; sei es der nicht selten rockige Rhythmus von Bass und Drums, welche eindrückliche Teppiche unter jäzzige Psychedelik, Anleihen des Post-Rock und Elemente aus (Neo-)Klassik wie natürlich Big-Bänd-Sound ausbreiteten. Faszinierend geil, das!!

Das siebzig Minuten anhaltende Set des Fire! Orchestra, das, wie bereits bei Pilgrim vorher, vielmehr einem eskapistischen Klangexperiment glich, als es konventionelles Musizieren war, spielte diese extraordinäre Big Bänd ohne Unterbrechung vor kühl-blauem Bühnenhintergrund - mit durchweg perfektem Sound!! Immer wieder hatte ich den Eindruck, die Spielenden lebten in vollkommener Harmonie mit ihren Instrumenten und loteten diese - die Stimmen hierbei in den Reigen der Instrumente inkludiert -, immer wieder auf ihre Grenzen hin aus, um sich selbst in verzückte Entrückung zu spielen, wie gleichsam das Publikum stets von Neuem zu fesseln.

Nicht weniger perfekt abgerundet war dieser weit außergewöhnliche Abend mit der abschließenden, ohnehin unvermeidlichen, Heimfahrt, die uns durch mittlerweile satt vom Mond beschienene Landschaften führte, während Füchse die Straßen kreuzten. Im Ohr hallten noch die Klänge, vorm inneren Auge flimmerten noch die Bilder des Musikereignisses...

15.09.19

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