Die Fetzen der Gedankenblase
 

Ich liebe meine Tankstelle. Sie hat immer Tabak, wenn ich keinen mehr hab. Sie hat auch immer Bier, wenn ich keins mehr hab. Das alles und noch viel mehr, hat sie täglich von 7 bis 23 Uhr Chips, Zigaretten, Brezeln, Wein, Dosenfisch und und und...
Und sie hat hübsche Kassiererinnen. Meistens. Na ja, vielleicht nicht allermeistens, is ja gut, aber schon oft. Und überhaupt lebt Literatur häufig von dezenter Übertreibung, also: an meiner Tanke gibt`s die am besten aussehenden Kassiererinnen, die jemals an Tankstellenkassen gesehen worden sind!! Das ist so. Punkt, und keine Diskussion.

Völlig überraschend ging mir neulich abends um halb 11 zum wiederholten Male der Tabak aus. Folglich zog ich noch einmal die Straßenschuhe an und machte mich, stille Vorfreuden in mir tragend, auf den Weg. Nebst der Vorfreuden wogte bis zum äußersten Rande meiner leiblichen Hülle die stille Hoffnung, dort meine Number-One-Lieblings-Stammtankstellenangestellte anzutreffen. Für gewöhnlich gehe ich mit Vorliebe kurz vor Kassenschluss dorthin, weil ich glaube, so besser in Erinnerung der Holden zu bleiben. Denn wer kann sich schon nach einer mehrstündigen Schicht noch an die Kunden der ersten Stunden erinnern? Dies verursachte natürlich schon an manch freiem Nachmittag ein regelrechtes Kampfrauchen meinerseits, nur, damit ich auch pünktlich kurz vor Feierabend einen triftigen Grund habe, aufs Neue vor Ort zu erscheinen. Unterwegs forsche ich bereits fiebrig in meinen, durch das zuvor konsumierte Nikotin etwas paralysierten Grauzellen, nach einem charmanten Satz, auf welchem sodann schwer die Hoffnung lastet, genau damit Sympathie und Aufmerksamkeit ihrerseits erringen zu können. Egal, wie viele Kunden an diesem Tage schon auf selbiges erpicht waren und vielleicht noch sein würden.

Also überlege ich und überlege, scheitere aber immer und immer wieder daran, dass ich schlicht nicht die geringste Ahnung habe, auf welch locker-charmantes Sprüchlein eine Tankstellenkassiererin wohl anspringen könnte. Schließlich ist das eine der Szenen, die sich mir bislang konsequent verschlossen halten. Ich verkehre nun mal nicht in erlauchten Tankstellenkassiererinnenkreisen, wurde noch nie dorthin eingeladen und möchte mich selbstverständlich auch nicht aufdrängen. So wird dann meist ein höchst spontanes "Hallo, äh, ich hätt' gern den so-und-so-Tabak und diese-und-jene Papers, bitte!!" daraus. Nicht sehr kreativ, ich weiß. Auch nicht strotzend vor offensiver Entschlossenheit. Aber das wahrscheinlich in speziellen Schulungen vor dem ersten ernsthaften Kundenbedienen und in sicherlich unzähligen Stunden vor vermutlich noch mehr Spiegeln einstudierte "Und einen schönen Abend noch!!" aus ihrem Munde, nehme ich ebenfalls schon lange nicht mehr als einen an mich persönlich gerichteten Wunsch wahr. Das sagen die nämlich alle, jedes Mal und ausnahmslos.

Nixdestotrotz, an besagtem Abend war sie da. Meine persönliche Favoritin unter den Tankstellenangestellten, und zwar nicht nur an dieser meiner Stammtankstelle, nein, sondern aller in meinem gesamten bisherigen Leben aufgesuchten Tankstellen überhaupt!!
Vor mir kam gerade eine etwas dickliche Mittvierzigerin in den Genuss der reizenden Abfertigung. Die Dame versperrte mir leider komplett die Sicht hinter die Theke. Deshalb war ich genötigt, mich leicht zur Seite zu beugen, um so zu tun, als würde ich die auf Grund der fortgeschrittenen Tageszeit bereits mäßig in sich zusammengefallenen Croissants in der Auslage betrachten. Von dieser Warte aus probierte ich, statt vorgetäuschter Backwarenbegutachtung, natürlich einen verstohlenen Blick auf die Schöne erhaschen zu können.

Mit ihren herz-entzweiend sanft schauenden Augen war sie seit dem Tag, da sie mich erstmals bedienen durfte, meine Nummer 1 auf der Liste der Lieblings-Stammtankstellenkassiererinnen. Um genau zu sein: sie war die unangefochtene Göttin unter ihnen. Ihre blendend blond leuchtenden Haare waren heute zu einem skandalträchtig süß aussehenden Pferdeschwanz zusammengebunden, welcher jede einzelne ihrer Bewegungen zart schwingend auszupendeln schien.
Mein verzückter Blick blieb quasi überall an ihr kleben: Haare, Augen, Lippen, Kinn, Hals, Dekollete´...

Wie berauscht sah ich über meinem Kopf schwebend eine wölkchenförmige Gedankenblase, worin sie mir gegenüber im Cafe´ sitzt. Sie hält ihren Oberkörper etwas nach vorn gebeugt, so dass ich nicht umhin komme, jeden Quadratmillimeter ihres Dekollete´s per Blick zu vermessen. Dabei erwachen unweigerlich phantastischste Vorstellungen, wie es denn unterhalb der im Ansatz noch zarten Wölbung weitergehen mochte, in welcher das Dekollete´ endet, um hier - verdeckt vom Shirt mit dem freizügigen Ausschnitt - in die Form göttlich geformter Brüste zu münden.
"Nächsten Monat werd ich 21", strahlt sie mich an. "Darf ich mir ein Geschenk von dir wünschen?"
"Was immer du möchtest, meine God given Queen of Tabakeinkauf!!"

Ach, du Schöne!! Schwenkst mit deinen feingliedrig-schlanken Fingern das ewiglich vergängliche und doch immerfort reizende Zepter der unschuldigen Jugend vor mir auf und ab!! Du wunderbare, du unanfechtbare, du einzig akzeptable Beherrscherin der Tankstellenregistraturkasse!! Allein wie du die Lade nach dem Kassieren und Herausgeben des Wechselgeldes wieder schließt, lässt mein Herz vom großen Zeh bis in die einsam verbliebene Wurzel meines letzten, ausgefallenen Haupthaares hüpfen!!

"Hallo. Was darf´s denn sein?" fragte sie mich urplötzlich hinaus aus meinen schnulzigen Gedanken. Harsch erwischte mich die harte Realität wieder. Ehe ich mich richtig sammeln konnte, stellte ich fest, dass ich mittlerweile zum Anführer der Warteschlange geworden bin. Dass diese aus mir und wenigstens einer weiteren Person bestehen musste, bemerkte ich nicht zuletzt an den olfaktorisch nicht zu ignorierenden sommerlich-transspirierenden Ausdünstungen des Menschen hinter mir...
"Äh, ja, ähm, hallo..., also..., Tabak...." Ich stammelte etwas unausgegoren meinen Standardsatz für sie ab. Nicht auszumalen, was hätte passieren können, was nicht versehentlich so alles hätte über meine Lippen schlüpfen können, zählte dieser Satz nicht zu den meistgesagten in meinem Leben. Sie allerdings erschien mir ebenfalls etwas abwesend, als sie das Päckchen aus dem Regal kramte, sich zuerst in die falsche Richtung drehte - was mir einen beidseitigen Blick auf ihr wunderbares Profil ermöglichte. Mitsamt lustigem Pferdeschwänzchen-Schwingspiel. Im Geiste weder richtig an- noch abwesend, kratzte ich mein Kleingeld zusammen, als ich sie sagen hörte:
"Nimm dir doch schon mal ´nen Kaffee, ich bin gleich soweit."

Unverzüglich fielen mir sämtliche Münzen mitsamt Geldbeutel auf den Boden. Als ich gequält lächelnd wieder aufblickte, stellte ich fest, dass ihr Blick meine Schulter nicht einmal streifte, sondern sie schnurstracks über mich hinwegsah - direkt ins Gesicht des mutmaßlichen Ausdünstungs-verantwortlichen: eines Streifenpolizisten in Dienstkleidung!!

Sofort schrie mich mein Sinn für Gerechtigkeit in höchster Verzweiflung an: "Ach du je!! Welch fahrlässige Verschwendung solcher Schönheit!!". Während dessen hörte ich den Freund und Helfer ihre Frage beantworten:
"Naaaj, ich bruch erschd mal waas zum runder komme."
Hierauf protestierte nun mein zärtliches Gehör mit stechender Pein.
Gleichzeitig richtete meine nun wohl Ex-Lieblingsstammtankstellen-kassiererin betont kühl ihre Zahlungsaufforderung an mich:
"Fünf Euro zwanzig, bitte."

Geräuschlos zerbarst über mir die Gedankenblase in eine Million Stücke. Beim Bezahlen dachte ich nur: "So riecht es also unterm Arm des Gesetzes." Sie gab mein Rückgeld heraus, säuselte mir ihr nun doch sehr routiniert anmutendes "Danke, und einen schönen Abend noch!!" zu und ich trollte mich grußlos.
Die Fetzen der Gedankenblase ließ ich einfach liegen.

 

(Februar 2010)

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