Bad Religion                           26.03.13  New York, Terminal 5

 

Es ist bestimmt nicht Punkrock über den Broadway zu laufen. Trotzdem hat es was, entlang der vermutlich berühmtesten Straße der Welt auf ein Konzert zu schlendern. Nur knapp 20 Blocks entfernt von meinem angemieteten Bett mit Wänden drum herum befindet sich die angesteuerte Lokalität, an deren Eingang ich mit einem alten Bekannten verabredet bin. Ich bin früh dran, bekomme nach Check durch die Security und Vorzeigen meines Passports ein Bändchen an den Arm. Dann hole ich meine vorbestellte Karte an der Kasse ab und erfahre im Zuge dessen, dass Against Me! als Special Guests ausfallen. "They're out of the tour" erfahre ich knapp. Mist aber auch. Ist nicht das erste Mal, dass mir die Jungs vor der Nase absagen.

Diesen kleinen Stimmungsdämpfer zu verdauen - und die Zeit zu verkürzen - laufe ich noch ein Ründchen um den Block. Hinter'm Hudson River steht die Sonne bereits recht tief. Ich sauge noch ein paar Strahlen auf, die, zusammen mit der Tatsache, am Rande von Midtown Manhattan ein Konzi zu besuchen, sogar die Enttäuschung über das neuerlich verpasste Live-Ereignis der Folk-Punks aus Florida ein klein wenig lindern können. Wieder am Eingang des Clubs angekommen, treffe ich meinen Kollegen; wir quatschen zur Begrüßung ein wenig bis meine Zigarette aufgeraucht ist und gehen dann nach drinnen.

Ein ganz schöner Laden, das Terminal 5. Durch einen Vorraum gelangt man in den quadratisch gehaltenen, abgedunkelten Konzertraum des Clubs. Ganz hinten gegenüber der Bühne ist eine Bar, etwas erhöht gegenüber des Platzes vor der Bühne. Von hier aus hat man hervorragenden Blick über das Geschehen und auf die Bretter. Außerdem gibt es seitlich und hinten noch zwei übereinander gelegene Balkons, so dass die dreitausend Menschen fassende Lokalität etwas kleiner wirkt, als sie Fassungsvermögen hat. Das erste Mal seit Tagen wähne ich mich in einer gewohnten Umgebung. Nicht mal das Rauchverbot stört mich. Dass allerdings im Restroom, also der Toilette, ein findiger Geschäftsmann seinen Laden für alles von Snäcks über Kaugummis und Süßwaren bis hin zu Aspirin aufgebaut hat, ist schon wieder recht abgefahren...

Als erste zweier Vorbänds betreten Polar Bear Club die Bühne. Mit noch etwas angezogenem Saft spielen sie punkigen Hard-Rock, der Sänger zappelt viel, während seine Mit-Musiker relativ wenig in Bewegung sind. Als Hintergrundmusik ist das ganz okay, unterhaltsamer sind The Bronx, die anstelle von Against Me! spielen. Ein musikalisch mäßiger Ersatz, diese Mischung aus viel Punkrock, etwas Hardcore und immer mal wieder einem Schuss Metal. Dank des F-Worte liebenden Sängers, der auch mal ein Bad in der Menge genießt, während er sich einen abschreit, ist ihr Auftritt jedoch recht amusing.

Nach einer kleinen Umbaupause ist dann endlich Zeit für die West-Coast-Heroes, die - so man Böses sagen möchte - seit dreißig Jahren immer denselben Song schreiben, der dann auch stets gelingt. Man könnte fast sagen die AC/DC des Punkrock: Bad Religion.

Sie starten mit einem Stück des aktuellen Albums und schieben dann gleich was ganz altes hinterher. Der Sound ist bald ziemlich gut, die Bänd um Sänger Greg Graffin und den Lead-Gitarristen Brett Gurewitz, die beiden einzig verbliebenen Gründungsmitglieder, spielt auch nach drei Dekaden noch mit ordentlichen Energieschüben auf. Graffin, stets in Bewegung, sucht häufig verbalen Kontakt zum Publikum, kritisiert zum Beispiel die auf dem Balkon weilenden Besucher, dass die Action doch unten vor der Bühne sei. Er will außerdem wissen, wieviele Menschen im Raum zum ersten Mal auf einem Bad Religion-Konzert sind und deutet an, dass dies möglicherweise die letzte Tour der Bänd sein könnte. Der Sänger markiert somit - nebst seiner charakteristischen Stimme und nicht zuletzt aufgrund seiner mimischen wie gestikulierenden Untermalung der Texte - den hauptsächlichen Fokus der Performance.

Das Set besteht aus einer wilden Mischung von Songs aus nahezu all ihren Schaffensphasen; eine echte Werkschau ist geboten. Da fehlt natürlich so mancher Ohrwurm nicht: "21st Century (Digital Boy)" zum Beispiel, "Generator", "Recipe for Hate", "New Dark Ages" oder "Los Angeles is Burning" - und für mich, als vorletztes Stück im regulären Set, insbesondere der Überhit "American Jesus". Nach etwa fünfundsiebzig Minuten inclusive Zugaben endet das Konzert einer Bänd, die nach all den Jahren ihr Publikum noch immer mitzureißen weiß, sich eventuelle Routinen zumindest nicht anmerken lässt. Eine sogenannte Bank - auch wenn der stets kritische Mr Graffin sicher nicht mit solchen Unternehmen in einem Atemzug genannt werden mag...

Trotz meiner fortgeschrittenen Müdigkeit lasse ich es mir nicht nehmen, mit meinem Begleiter ein Bier in einer Kneipe nahe des Broadway zu trinken, bevor ich mir auf dem Heimweg endgültig eine Blase an den Fuß laufe, der mich die nächsten beiden Tage halb humpelnd durch den Big Apple streifen lässt. Ein rundum gelungener Abend also...

 

...und die Setliste (ohne Gewähr):

Past Is Dead / We're Only Gonna Die / New Dark Ages / True North / Anesthesia / Generator / I Want to Conquer the World / 21st Century (Digital Boy) / Los Angeles Is Burning / Fuck You / Recipe for Hate / Heroes & Martyrs / Robin Hood in Reverse / Sanity / Land of Endless Greed / You / Do What You Want / No Direction / Dearly Beloved / Beyond Electric Dreams / No Control / Against the Grain / Come Join Us / A Walk / American Jesus / Sorrow // Fuck Armageddon... This Is Hell / Vanity / Infected / Dept. of False Hope

 

 P.S.: Auf erwähntem Heimweg mutete es etwas merkwürdig, an "New Dark Ages" im Ohr zu haben, während ich weit nach Mitternacht über den noch immer hell beleuchteten, allerdings nun recht unbelebten Times Square schlurfte. So konnte ich immerhin noch die Erkenntnis gewinnen, dass the city doch mal sleeps...

11.04.13

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