
Steve Reich – Desert Music & Justè Janulyté – Uccelli et altre cose
hr-Sinfonieorchester & Synergy Vocals (Chor), Dirigent: Brad Lubmann
Die Aufführung zweier im weiteren Sinne klassisch konzipierter Werke zog mich nach Frankfurt zu einer Darbietung des hr-Sinfonieorchesters und des Chors Synergy Vocals. Die Ankündigung lautete, sich unter Leitung des Dirigenten Brad Lubmann im Sendesaal des Hessischen Rundfunks zunächst einer Uraufführung des Stückes Uccelli et altre cose von der 1982 geborenen Komponistin Justè Janulyté zu widmen, ehe das mich in erster Linie anziehende Werk Desert Music von Steve Reich auf dem Programm stand. Ich war vorfreudig gespannt, denn die Aufführung eines etwa achtzigköpfigen Ensembles – inklusive zehnstimmigem Chor – hatte ich bis dato noch nicht besucht…
Bei Betreten des etwa siebenhundert Menschen fassenden Sendesaals, ganz in schlichtem, hellem Holz gehalten, waren die Plätze etwa zur Hälfte gefüllt und wir nahmen ungefähr in der Mitte Platz. Bereits jetzt, lange vor Beginn des ersten Stücks, gefiel mir schon der leicht kakofonisch angehauchte Sound ganz gut, den die sich im Warmspielen und Stimmen der Instrumente befindenden Musikerinnen und Musiker fabrizierten. Ein Durcheinander zwar, aber auch nicht unähnlich manch experimentellem Free-Jäzz. Nachdem alle Vorbereitungen absolviert waren, wurde es pünktlich um sieben dunkel im Saal und es durfte applaudiert werden. Einen Anstieg des Beifalls gab es, als der Dirigent sein Podest betrat und nach ein paar Verbeugungen endlich dem Orchester zugewandt mit seiner Arbeit beginnen durfte.
Das erste Stück, Uccelli et altre cose, dauerte etwa zwanzig Minuten und klang insgesamt sehr meditativ und introvertiert. Es erinnerte mich in seiner Dynamik sehr an die sich abwechslenden Gezeiten des Ozeans. Oder eben große Schwärme von Vögeln, die des Herbstes in ihren typischen Formationen gen Süden ziehen. Hiervon, so las ich im Programm, hatte sich die Litauerin Justè Janulyté zu dieser hoffnungsschwanger melancholisch klingenden Musik inspirieren lassen – woher auch der Titel stammt, der zu deutsch Vögel und andere Dinge bedeutet. Nach anfänglich neugierigen Blicken meinerseits auf das Geschehen, ließ ich mich bald mit geschlossenen Augen ganz tief in die Klänge sinken und verlor mich sehr angenehm darin. Sehr harmonisch entspannend die Gehörknöchelchen streichelnd. Danach wurde die, meines Erachtens höchst gelungene Premiere ausgiebig beklatscht. Auch die Komponistin wurde mehrfach zum Aufstehen und nach vorne gebeten, um verdientermaßen die Lorbeeren zu erhalten.
Nach gut zwanzig Minuten formierte sich das Orchester neuerlich, das Spiel vom Anfang wiederholte sich und Neugier, Spannung und Vorfreude auf das Erlebnis der Desert Music machten sich in mir breit. Während der Anfangszeit der Pandemie hatte ich mich vermehrt mit der American Minimal Music befasst und einer der bedeutendsten Akteure dieser Musikform ist eben Steve Reich, der dieses Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiern darf und von dessen Schaffen ich mir damals gleich eine ganze CD-Box zugelegt habe. Und wie nicht anders zu erwarten, entfaltete das Stück live noch einmal ein ganz andere Qualität, als beim Hören der Tonträger zu Hause; sowohl, was die Opulenz des knapp fünfzigminütigen Werks angeht, als auch die Tiefe und Intensität, die durch die Vielzahl des Instrumentariums und deren gekonntes Zusammenspiel erreicht werden konnte. Ganz schön beeindruckend, das!!
Dabei waren nebst zweier Flügel und Keyboards, erstere gelegentlich vierhändig gespielt, natürlich Trommeln, außerdem Xylofon und Vibrafon, mehrere Kontrabässe, Celli, Bratschen, eine Menge Geigen, in den hinteren Reihe direkt vorm Chor noch Trompeten, zwei Fagotte und eine Tuba. Hier hatte ich eine Menge zu tun, mal sehenden Auges zu hören und die Musizierenden sowie den Dirigenten in Spiel wie Interaktion zu beobachten, wie auch die gesamte Konzentration auf die Klänge zu legen. Das forderte durchaus Aufmerksamkeit, die mir nach einiger Zeit mal etwa abhanden kam, durch die immer wieder stattfindenden Wechsel und Brüche im Stück jedoch bald wieder voll da war. Innerhalb der acht Sätze passierte permanent etwas; von langen, repetitiv geführten Klängen, lauten und ruhigeren Passagen, mehr hinten stehendem oder lauter mitmischendem Gesang des Chors. Mal waren die Streicher und mal die perkussiven Instrumente führend, kurze Tastengewitter oder länger anhaltendes Spiel der Flügel, nicht zuletzt auch alle miteinander – da war echt viel los!! So wurde ich zum Ende der Darbietung tatsächlich aus dem tiefen Klangbett gerissen und erschrak nach dem letzten Ton des von Steve Reich 1983 komponierten Stücks fast ein wenig: 'Schon fertig?! – Wie schade!!'
Ja, das war ein wirklich tolles Konzerterlebnis!! Beide Stücke, so unterschiedlich sie waren, gefielen mir ausgezeichnet; die großartige Aufführung, der Sound und die bequemen Plätze im Sendesaal des HR taten ihr Übriges zu einem für mich ausgesprochen genussvollen Abend!! Das Ensemble und sein Chef wurden minutenlang gebührend gefeiert, ehe wir uns wieder auf den nun ordentlich nebligen Straßen Frankfurts wiederfanden und in eine verräucherte Kneipe stolperten, in der es gar deutlich dunkler war, als im Rest der nächtlichen Mainmetropole…
9.02.26
HIER ist die Aufnahme des gesamten Abends ungeschnitten zu hören und zu sehen!! Der musikalische Start ist etwa bei Minute 7:24 bis 28:40, dann geht’s weiter bei 1:01:06 bis 1:47:26)