
EARTH 30.01.26 Schorndorf, Manufaktur
Selbstverständlich ließ ich mir nicht entgehen, mal wieder der Manufaktur Hallo zu sagen. Sowieso, wenn dort die designierten Kreatoren des Drone Doom ein Stelldichein zu geben gedachten. Also gings am letzten Januarfreitag, ausgestattet mit Hackes Autobiografie „Krach“, in den Zug Richtung Schurwald, das Vorland der Schwäbischen Ostalb…
Bevor dort EARTH die Wände des hübschen Clubs erbeben ließen, gabs als Support ein gut halbstündiges Set der Serbin Nataša Grujovic, einer experimentellen Akkordeonspielerin, zusammen mit dem Pianisten und Posaunisten Steve Moore, der später auch beim Hauptäct mitwirkte, zu hören. Die beiden spielten drei sich jeweils langsam entwickelnde Stücke, unterbrochen durch eine einzige längere Ansprache des sehr sympathischen Moore, dessen Haare, ganz nebenbei, bis weit unter den Bauchnabel reichen. Der Sound der beiden klang wie ein Erschaffen von Klangräumen; Verbindungen von traditionell folkloristischen und bluesig, jäzzigen Klängen, unterlegt mit Brummen oder den Geräuschen des Auf- und Zuziehen des Akkordeons; kwasi dessen Atemzügen. Das war zum Aufwärmen tatsächlich sehr schön, fast wie eine meditativ brummende Ruhe vor dem bald dröhnenden Sturm.
Der kündigte sich an, als Dylan Carlson die Bühne betrat, wortlos dem Publikum zunickte, seine Jacke hinter den Verstärker legte, die Gitarre aus dem Koffer holte und lakonisch, während er sein Instrument stimmte, „Where’s the rest of the band?“ ins Mikro nuschelte. Die kamen dann auch sogleich in Gestalt vom Live-Bassisten Bill Herzog, Steve Moore an Orgel und Posaune sowie – neben Carlson seit geraumer Zeit einziges festes Mitglied des Kernduos – Adrienne Davies am Schlagzeug. Als alle positioniert waren, klärte Carlson kurz über den Lauf des Sets auf, dann begann die Zelebration der Langsamkeit.
EARTH ließen die Songs sich ebenfalls langsam entwickeln, sich gemächlich bis ins Epische ausbreiten. Die meisten Stücke wuchsen dabei zu großen, oft trockenen Klangwüsten und erdigen Klangweiten, zu welchen die Gitarre meist repetitive Melodien spielte und deren Töne stets eine Weile nachklingen durften, während die Orgel dazu solierte. Besonders geil waren jene Passagen, wenn die Tasten sich anschickten, ausgedehnte Solo-Parts zu kreieren, während die Saiten minimalistischen Riffs ertönen ließen, die Carlson gerne mit nach oben gereckter Gitarre in Szene setzte. Oder wenn Posaune und Saiten ihre Melodie synchron hielten, so dass in solcher Form selten zu hörende Harmonien entstanden. All dies war stets präzise untermalt durch den geruhsamen, steten Antrieb der Drums, für die nötige Tiefe sorgte verlässlich der schleppend tragende Bass. Das alles machte richtig viel Laune, zu hören!!
Des Öfteren stellte der kauzige, in seinen Ansagen nahezu schelmisch wirkende Gitarrist, dessen Stimme mich stark an die von Daniel Johnston erinnerte, seine Bänd vor und sagte ein paar Takte zum jeweils folgenden Song. Richtig intensiv wurde die zweite Hälfte des Sets, wo sich die etwa dreihundertfünfzig Hörenden komplett in die Soundgewänder hüllen lassen konnten und kaum was anderes übrig blieb, als sich geschlossenen Auges darin wiegen zu lassen. Sehr geil!!
So schlenderten EARTH durch ihr etwa eineinviertelstündiges Set. Und die Frage, ohne die Bühne zu verlassen, „you want to hear one more song?“, war natürlich eine rhetorische. Nach einer weiteren viertel Stunde endete der Abend in offensichtlicher Zufriedenheit von Bänd wie Publikum und die Klänge durften auf den Straßen der Fachwerkstadt noch eine ganze Weile nachhallen…
1.02.26
Hier die Originalabschrift der Setliste:
SCALPHUNTERS / MIAMI 1 / ENGINE OF RUIN / MIAMI MORNING 2 / JUNKYARD PRIEST / INQUEST / RAIFORD/DRY LAKE / MISUNDERSTOOD/CALIFORNIA // BEE‘S
Als Post Scriptum noch eine kleine Anekdote am Rande:
Nachdem ich die Setliste von Herrn Moore auf meine Bitte darum ausgehändigt bekommen und er weitere Anfragen danach mit der Information „it’s the only one“ quittiert hatte, scharten sich sogleich vier oder fünf Menschen um mich, um selbige abzufotografieren. Belustigt hierüber warf ich spontan „Picture – 1 €uro“ in die Runde und erntete dafür ein offenbar amüsiertes „jaja, gleich voll den Schwaben raushängen“. Den Hinweis, dass ich Badener sei, hat man mir wohl eher nicht geglaubt…